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Schreiben

23
Jan
2008

Disziplin!

In meinem Esszimmer steht seit meinem Einzug eine Pflanze, die ich von einer Freundin als Dauerleihgabe bekam. Aus einem Topf ragen zwei dünne Stängel ungefähr anderthalb Meter in die Höhe. An der Spitzen strecken sich palmenblattartige Blätte auseinander. Wie die Pflanze heißt weiß ich nicht. Ich bin in Botanik nicht sehr bewandert.

Wenn die Pflanze ein Bewusstheit hätte, würde sie den Tag, an dem ich sie bekam, als den schlimmsten Unglückstag in ihrem Leben bezeichnen und mich auf jede nur denkbare Weise verfluchen. Anfangs habe ich sie noch einigermaßen regelmäßig gegossen, aber dann begann ich sie zu vernachlässigen. Im letzten Jahr gönnte ich ihr irgendwann im Juli das letzte Mal ein paar Tropfen Wasser. Dementsprechend sieht sie heute aus. Dass sie nicht schon längst alle Blätter abgeworfen und noch immer etliche halbgrüne Wedel hat, wundert mich. Wenn ich letztes Jahr meine Wohnung sauber machte, kehrte ich jedes Mal eine Handvoll ihrer Blätter zusammen.

Jede meiner bisherigen Wohnungen war für Pflanzen ein botanisches Straflager. Wenn ich ehrlich bin, vertrocknete jede Pflanze bei. Mir fehlte die Disziplin und Ausdauer mich um sie zu kümmern. Meistens vergas ich sie und schmiss nach einigen Monaten die vertrockneten Überreste in die Mülltonne.

Aber nun wird alles anders!

Ich habe von dem Schicksal der Pflanze in meinem Esszimmer erzählt, weil sie ein Symbol für etwas ist, das auch ein Grund ist, weshalb ich mit allen größeren Schreibprojekten gescheitert bin: mangelnde Disziplin.

Normalerweise mache ich mir zu beginn eines neuen Jahres keine guten Vorsätze. Ich bin der Meinung, wenn man weiß, was für schlechte Angewohnheiten man sich abgewöhnen sollte, dann sollte man mit dem Abgewöhnen nicht bis zum nächsten Neujahrsmorgen warten sondern sofort damit anfangen. Insofern ist mehr Disziplin wahrscheinlich nur deshalb mein guter Vorsatz für 2008, weil mir zu Beginn des neuen Jahres bewusst wurde, dass ich niemals eine Schriftstellerin sein werde, wenn nicht disziplinierter werde.

Weil ich nicht glaube, dass ich einfach so disziplinierter werde, habe ich mir einige Trainingsaufgabe in Sachen Disziplin überlegt. Obwohl natürlich mein Hauptsziel mehr Schreibdisziplin ist, hat kaum eine der Übungsaufgabe etwas mit Schreiben zu tun. Ich habe mir kleine Lektionen in Alltagsdisziplin vorgenommen: Eingehende Post nicht wochenlang auf dem Eingangsstapel ablegen, sondern noch am selben Tag bearbeiten und abheften; den Schreibtisch in Ordnung halten, nichts Unnötiges darauf liegen lassen; Kleidung, die ich abends ausziehe, am nächsten Tag aber nicht wieder anziehen werden, nicht mehr auf einen Stapel legen sondern zurück in den Schrank hängen; gebrauchtes Geschirr in die Spülmaschine stellen; Flecken in der Küche sofort (nicht erst beim nächsten Wohnungsputz) wegwischen; und noch mehr solcher Kleinigkeiten habe ich mir vorgenommen, um mich in Disziplin zu über. Und natürlich: meine Pflanze pflegen, damit sie nicht eingeht.

"Disziplin!", rufe ich mir nun mehrmals am Tag zu, wenn ich nachlässig zu werden drohe.

Ich merke die Wirkung schon: Auf meinem Schreibtisch liegen kaum noch Sachen, die mich von Schreiben ablenken könnten, da bleibt mir nichts etwas anderes übrig als: zu schreiben.

18
Jan
2008

Es wird ernst ...

Ich schreibe noch, auch wenn mein letzter Beitrag hier schon einige Wochen her ist: Ich schreibe noch. Ich war sogar ziemlich fleißig: Ich habe endlich meine B4 eingesandt und diese Woche mit der Arbeit an der B5 begonnen, aber das wird sicherlich nur ein paar Eingeweihten unter meinen Lesern, die ich hier vielleicht noch habe, etwas sagen.

Für diese Eingeweihten habe ich auch eine Nachricht, die mindestens eine davon zu einem Kommentar provozieren wird: Ich breche mein Studium bei der Schule des Schreibens ab. Ich habe das schon mehrmals angekündigt und jedes Mal ein ungutes Gefühl dabei gehabt, das eigentlich nur eine Ursache hatte: Stolz. Ich habe viel Geld für diesen Fernkurs bezahlt, da wollte ich wenigstens einen Abschluss (wenn auch nur in Form einer Bescheinigung, dass ich den Lehrgang bis zum Ende absolviert habe). Ich war zu stolz mir einzugestehen, dass ich die Kursgebühr umsonst bezahlt habe. Um dieses Eingeständnis des Scheiterns kann ich mich nicht länger drücken.

Meine reguläre Studienzeit endete im Februar 2007. Ich habe bereits ein einjährige Verlängerung in Anspruch genommen (Mitte Februar müsste ich meine B12 abgeben) und nicht nutzen können. Letztes Jahr im Spätsommer hatte ich noch die Idee, wenn ich mich richtig anstrenge, d.h. alle zwei bis drei Wochen eine Einsendeaufgabe abgebe, dann könnte ich es noch schaffen. Aber es funktioniert nicht mit einem 40-Stunden-Brotberuf nebenher.

Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Jetzt, da mir langsam bewusst wird, dass es die Richtige ist, löst sie zwei Gefühle in mir aus: Erleichterung und Aufbruchstimmung. Ich schiebe das Fernstudium nicht mehr vor mir her. Ich bin nicht mehr dem Zwang unterworfen, jeden Monat eine Einsendeaufgabe schreiben zu müssen.

Eine neue Phase in meinem Leben als Schriftstellerin beginnt: Niemand stellt mir eine Schreibaufgabe, ich muss mir nun selbst überlegen, was ich schreiben will. Als mir das beim Abendbrot klar wurde, erschrak ich deswegen zuerst. Nun bin ich bei meinem Schreiben auf mich selbst gestellt, muss die Schreibaufgaben selbst definieren, kann mich nicht mehr vor meinen Ideen verstecken oder fantasieren, was für tolle Geschichten oder Romane ich aus ihnen machen könnte.

Nun wird es sozusagen Ernst mit dem Schreiben.

"Das wurde aber auch Zeit!", rufen ein paar Leute, die mir wichtig sind und schon viel zu lange darauf warten. Sie blicken gerade verwundert durch meinen Augen auf den Bildschirm: „Meint Sarah das jetzt ernst? Will die uns jetzt endlich aus ihrem Kopf herauslassen?“

Ja, Leute, ich übergebe Euch das Kommando über mein Schreiben, Euch, die ihr zu lange in vagen Ideen gesiecht habt. Ich will endlich Eure Geschichten schreiben.

23
Sep
2007

Zeitverschwendung

Heute Nachmittag hatte ich Besuch von einem guten Freund und seiner Freundin. Wir saßen im Garten, tranken Earl Grey und aßen Schokoladenkuchen. Er erzählte begeistert, dass er seit einem halben Jahr Herr der Ringe Online spielt. Die Entwickler haben wie es scheint in dem Spiel (fast) die gesamte Welt aus dem Herrn der Ringe nachgebildet. Er meinte, erkenne sich einigermaßen in der Welt aus. Wenn man dann z.B. durchs Auenland geht, an den Brandyweinfluss kommt, aus dem Buch weiß, dass über den eine Brücke führt, nach der man irgendwie in den alten Wald kommt, dann findet man im Spiel tatsächlich diese Brücke und diesen Weg in den alten Wald. Er war schon mehrmals im alten Wald, jedes Mal weiß er nach einigen Minuten nicht mehr, wo er ist, und verläuft sich. Er spielt es fast jeden Abend, mindestens ein bis zwei Stunden. Dabei kann er sich immer wunderbar entspannen und schläft gut. Einmal spielte er bis vier Uhr morgends, obwohl er am nächsten Tag arbeiten musste.

Mir fiel dazu nur ein Kommentar ein: Zeitverschwendung.

Ich habe gerade kurz nach dem Spiel im Internet gesucht, um ein paar Bilder zu sehen. Es ist ja schon wirklich erstaunlich, was die Computergrafiker heute alles auf den Bildschirm zaubern. Aber es ist doch nur eine virtuelle Wellt, nichts als Elektron, die durch den Speicher des Rechner sausen. Man kann den Wald nicht riechen, man kann sich nicht an Brombeerhecken den Arm aufschürfen. Man kann nicht den Atem oder den Schweiß des Gegners spüren. Wenn man den Rechner ausschaltet ist alles verschwunden.

Um ehrlich zu sein: Ich bin neugierig, wie das virtuelle Auenland aussieht. Als ich einen kurzen Blick auf die Interseite warf, überlegte ich, ob das Spiel für meinen Tiger erhältlich ist. Aber ich weiß: Selbst wenn ich es auf meinem Rechner installierte und startete, würde mein Aufenthalt darin nach ein paar Minuten als Zeitverschwendung vorkommen. Ich sagte meinem Freund, dass das Spiel für mich Zeitverschwendung bedeutet. Er verstand meinen Kommentar nicht. Wie sollte er mich auch verstehen! Kommt mir doch seit einiger Zeit, fast alles was ich tue, als Zeitverschwendung. Mein Arbeit: Zeitverschwendung, aber nun gut irgendwie muss ich mein Müsli und das Futter für meine Katzen ja finanzieren; Wohnung aufräumen, Wäsche waschen, Einkaufen: Zeitverschwendung. Früher bin ich viel ins Kino gegangen. Es gab einmal ein Jahr, da bin ich 40 Mal im Kino gewesen. Heute überlege ich mir sehr genau, welchen Film ich sehe, früher habe ich fast alles gesehen. Ich habe noch ein paar DVD auf meinem Schreibtisch, die ich noch nicht gesehen habe. Die Klassik-Edition der ZEIT habe ich immer noch nicht durchgehört. Immer wenn ich eine der CDs einlege, denke ich, dass könnte Zeitverschwendung sein, denn eigentlich könnte ich stattdessen: Schreiben.

Und obwohl ich mich über meinen Besuch heute Nachmittag gefreut habe und obwohl ich fast ein wenig enttäuscht war, als sie nach zwei Stunden schon gingen, überlegte ich mittags, als ich den Schokoladenkuchen buk, das könnte heute Nachmittag wieder Zeitverschwendung sein, denn eigentlich könnte ich stattdessen: Schreiben.

27
Jul
2007

Ausreden

Irgendwo habe ich letztens gelesen (wahrscheinlich im Newsletter des Autornforum), dass Autoren dazu neigen Ausreden fürs Schreiben zu suchen. Erst recht, wenn sie noch am Anfang ihrer Schreibkarriere stehen. Der dringende Rat war: Wenn man sich als Schriftstellerin betrachtet, dann kommt Schreiben zuerst, dann hat Schreiben absolute Priorität vor allem anderen. Die haben gut reden. Gestern lautet die Frage, nachdem ich zu Abend gegessen hatte: Go oder Schreiben? Ich hatte Lust zu beiden, was mich ein wenig wunderte, war ich doch vor ein paar Monaten kurz davor das Go spielen aufzugeben. Seit über zehn Jahren spiele ich Go und bin erst 4 Kyu. Wenn ich mich wirklich ernsthaft mit Go beschäftigt hätte, müsste ich inzwischen mindestens 3 Dan sein. Aber es gab halt immer Ausreden. Keine gute Prognose für meine Schreibambitionen. Gesten habe ich mich entschieden Go zu spielen und nicht zu schreiben. Die Ausrede war ziemlich schwach: Ich gehe seit Jahren fast jeden Dienstag Go spielen. Wenn ich mich aus der Aachener Gogruppe zurück zöge, schrumpfte der Gotreff weiter, was ich nicht wollte. Das war also gestern eine dieser üblichen schwachen Ausreden.

Die Ausrede für heute war schon ernster. Seit Tagen stapelte sich dreckiges Geschirr in der Küche. Zum Glück besitze ich seit meinem Umzug eine Spülmaschine, sonst müsste ich den ganzen Kram auch noch selber schruppen. Aber in der Spülmaschine stand immer noch das saubere Geschirr vom letzten Spülgang. Die räumt sich leider nicht von selber leer. Also sortierte ich das saubere Geschirr in den Schrank und das dreckige in die Maschine. Dann sah ich mich um und fand die nächste Ausrede: Wenn man nicht jeden Krumen, der beim Brot schneiden anfällt, sofort wegfegt, wenn man nicht jeden Tropfen, der morgends beimUmschütten des Kaffees von der Espressomaschine in die Tasse daneben geht, sofort wegwischt, (wann zum Teufel erfindet endlich jemand die garantiert-nicht-tropfende Kaffeekanne) wenn man zu dem auch noch leere Joghurtbecher und Katzenfutterdosen rumstehen lässt, dann sieht es nach einer Woche in der Küche nach einem solchen Saustall aus, dass ich mich frage, wie eine allein lebende Frau so kurzer Zeit nur so viel Dreck um sich herum verteilen kann.

Als ich mit Aufräumen und Küche sauber machen fertig war, war es halb zehn. Zum Schreiben war ich längst zu müde. Natürlich weiß ich, dass das auch wieder so eine Ausrede ist. Wenn man sich als Schriftstellerin betrachtet, darf man nicht warten, dass man Lust zum Schreiben hat oder dass einen die Muse küsst, man muss einfach schreiben. Die Muse ist ein unzuverlässiges Weib: Nie ist sie da, wenn man sie braucht; und wenn sie sich blicken lässt, dann hat sie meistens Papier und Bleistift vergessen, so dass man sich nichts aufschreiben kann. Und überhaupt: Die Muse! Nach meinen bisherigen Erfahrungen als Frau, würde ich sagen, dass ich eher auf Männer stehe. Einen Kuss von dieser Schnepfe würde ich also höflich ablehnen. Auf einen Kuss von einem Muser, könnte ich erst recht verzichten, der würde nur weitere Ausreden liefern.

Ich setzte mich also auf mein Sofa und griff nach der dritten Ausrede, die mich seit letztem Samstag vom Schreiben abhält: Harry Potter and the Deathly Hallows.

Was lerne ich aus meinen Ausreden: Ich brauche eine Putzfrau, die wenigstens einmal in der Woche gründlich meine Wohnung reinigt, einen Hausdiener, der meine Kleidung und alle die Sachen, die ich rum liegen lassen, an ihren Platz räumt, und einen Gärtner, der meinen Rasen mäht und die Hecken stutzt.

30
Jan
2007

Warum?

Warum schreibe ich? Warum will ich schreiben? Warum habe ich geschrieben? Will ich wirklich weiter schreiben? Aber ich sitze hier. Meine Schreibtisch ruckelt, während ich auf die Tasten haue, meine Katzen schlafen. Schlafe auch ich, weil ich nicht schreibe? Oder bin wacher als jemals zuvor, weil ich nicht mehr schreiben muss?

Seit einigen Wochen mache ich mir Gedanken, ob ich wirklich weiter schreiben will, ob mir der Impuls zum Schreiben im letzten Jahr nach meiner Operation verloren gegangen ist. Ich bin glücklich wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich frage mich, ob alle Texte, die ich vor meiner Operation geschrieben habe, ihren Ursprung in meinem Unbehagen, in meinem Leiden, in meinen Zweifeln als Mann hatten. Jetzt bin ich eine Frau. Jetzt habe ich kein Unbehagen, kein Leiden, keine Zweifel mehr. Geht es mir zu gut zum Schreiben?

Ich habe eben mit einer Freundin telefoniert, die meinte: "Du meinst ein wahrer Künstler muss an der Welt leiden." Vielleicht, meine ich das. Und wenn man nicht leidet, muss dann fürs Schreiben geboren sein? Und bin ich das vielleicht nicht?

Diese Gedanken beunruhigen mich nicht. Vielleicht wollte ich nur schreiben, weil ich das Schreiben einfacher zu erreichen konnte als das was ich eigentlich wollte: Eine Frau sein. Nun bin ich eine Frau. Welchen Grund habe ich jetzt noch zum Schreiben?

Warum?

31
Okt
2006

Der Countdown läuft

Warum um alles in der Welt habe ich mich darauf eingelassen? Welcher Teufel hat mich geritten?

Gerade habe ich mich bei NaNoWriMo angemeldet, eine kurze Mail einer Bekannten hat mich dazu verleitet. Nun muss ich im November ein Roman von 50000 Wörter bzw. 175 Seiten schreiben. Keine Ahnung wie ich das schaffen soll. Verglichen mit dem, was ich bisher geschrieben habe, entspricht das einem Schreibpensum von drei bis vier Monaten. Wie soll ich das in einem Monat schaffen? Habe ich im November nicht schon genug zu tun: Ich muss vier Tage die Woche arbeiten (ich will und kann mir keinen Urlaub für NaNoWriMo nehmen), muss meine neue Wohnung renovieren und den Umzug organisieren, muss für eine Freundin Ende November eine 80seitige Magisterarbeit in Anglistik korrektur lesen. Woher soll ich da die Zeit zum Schreiben nehmen?

Es ist schon seltsam, welche komischen Auswirkungen die Registrierung hat. Natürlich muss ich keine 50000 Wörter schreiben. Ich habe keinen Vertrag unterschrieben, der mir im Kleingedruckten mit schrecklichen Konsequenzen droht, wenn ich das geforderte Pensum nicht erreichen sollte. Ich könnte meine Registrierung also leicht nehmen, einfach mal gucken wieviel ich schaffe und es dabei bewenden lasse. Aber es ist komplizierter: Mein Ehrgeiz es zu schaffen ist geweckt.

Keine Ahnung, welchen Roman ich schreibe. Ich habe kurzt überlegt, eine der Romanideen zu benutzten, die ich schon länger im Kopf habe. Ich habe mich dagegen entschieden, zum einen weil mir diese Ideen doch zu wichtig sind, als dass ich eine davon für NaNoWriMo verheizen möchten, zum andern aber auch weil es mir der Grundidee von NaNoWriMo zu widersprechen scheint, wenn ich von einer seit langem vorhandenen Idee ausgehe, also nicht von etwas spontanem. Ich weiß nicht, wie es die anderern Teilnehmer machen. Ob sie sich seit Monat darauf vorbereitet haben, vielleicht sogar schon mit dem Schreiben an ihrem Roman begonnen haben, den Plot entworfen haben, ihre Figuren entworfen haben. Ich habe im Moment nichts dergleichen.

Wie heißt es so abgegriffen schön: Der Weg ist das Ziel. Es wird ein Zickzack Kurs zwischen Euphorie und Verzweiflung werden, er wird gepflaster sein mit Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler, mit vergessenen Wörter und vertauschten Buchstaben, mit abgewrackten Formulierungen. Nur Geschwindigkeit zählt.

Die Uhr tickt...

13
Jun
2006

Brasilien - Kroatien

Die erste Halbzeit läuft noch, keine Ahnung wie es steht. Den Ton meines Fernsehers habe ich leise gestellt, so dass ich den Kommentar der ARD hier an meinem Schreibtisch nicht verstehen kann. Was mache ich jetzt? Ich schreibe mal wieder, seit einer unendlich langen Zeit. Man soll diesen Begriff "unendlich" nicht benutzen, wenn man ihn nicht versteht, aber ich weiß, was er bedeutet: Ich habe ein Diplom in Mathematik, sogar ein einigermaßen gutes. Unendlich das heißt länger als jede endliche Zeitspanne, das entspricht ziemlich genau der gefühlten Zeitspanne, wie lange es her, dass ich was Vernünftiges zu Papier gebracht oder in den Rechner getippt habe. Wogegen schreibe ich? Gegen die Agonie des Nicht-Schreibens, dass ich mich kaum motivieren kann, mich hier hinzusetzten, um zu schreiben, und in erster Linie gegen die Angst, dass mir nichts einfällt.

Ein kurzer Blick auf die Uhr, rechts unten im Systray (oder wie auch immer dieser Bereich des Windows-Bildschirm heißt) sagt mit, dass jetzt die erste Halbzeit zu Ende sein müsste. Ob sich die Brasilianer blamiert haben, ob sie ihrer Favouritenrolle gerecht werden. Ich könnte jetzt eine kleine Internet-Recherche nach dem Spielstand starten, ich verkneif's mir. Wieviel Minuten bleiben mir noch bis ich die täglichen 15 Schreibminuten voll hab, die ich mir vor noch viel längerer Zeit irgendwann vorgenommen hatte.

Nun ist also Fussball WM, kein Weg führt dran vorbei, selbst in der Firmenkantine werde ich täglich daran erinnert: Statt der üblichen Blumendekoration stehen auf den Tischen kleine Fussballfelder mit Plastiktoren drauf, die kaum Platz für die Tablets lassen. Ich bin kein Fussballfan, früher war ich das einmal, auch das ist unendlich lange her, war Teil eines anderen Lebens, den ich mir im Universitätskrankenhaus Essen habe wegschneiden lassen. Ich kann mich erinnern: Als Junge stürmte ich mit Schwarzenbeck über den Rasen hinter dem Hotel meiner Großeltern...

Und was bedeutet die WM heute für mich? Sie liefert mir billige Ausreden, um mich vorm Schreiben zu drücken: Ich wollte das Spiel gucken, Brasilien sehen, Fussballzauber, stattdessen sitze ich hier und schreibe sinnloses Zeug. Ich glaube die zweite Halbzeit hat gerade begonnen, immer noch keine Ahnung, wie es steht, um Brasilien oder Kroatien oder um mein Schreiben.

3
Apr
2006

Antworte, Antanas!

"Hey, Antanas", Martha fährt sich mit den Händen durch die Haare. "Ich soll ein Buch über Dich schreiben, tausend Fragen habe ich dir schon gestellt, aber du antwortest einfach nicht. Was ist los mit dir?"

Laub raschelt unter Antanas' Schritten, während sie durch den Wald schreiten.

"Kannst du dir vorstellen, was das für mich bedeutet?" Sie stellt sich ihm in den Weg, er bleibt stehen, hebt den Blick wie einen schwer Stein vom Boden auf und schaut sie an. "Einen Roman, d.h. ein gedrucktes Buch, das andere kaufen und lesen könen. Bisher gibt es ja noch nichts Gedrucktes von mir."

"Ich will Magier werden." Antanas blickt durch sie hindurch, zu dem Abendrot das zwischen den Stämmen aus dem Morast dunstet.

"Ja, ja, ich weiß, du willst Magier werden, du willst nach Gwallor, du willst den Turm der Magier besteigen", Martha schüttelt den Kopf. "Das Thema hatten wir schon!"

Martha packt den Mann an Schultern und schüttelt ihn. Er lässt es geschehen.

"Das reicht nicht, Antanas, das reicht nicht!", schreit Martha.

Martha öffnet die Augen und blickt wieder auf den leeren Bildschirm vor ihr. Es war ein Versuch, in Gedanken ist sie mit Antanas spazieren gegangen. Für einen kurzen Moment hat sie ihren Protagonisten gesehen und ihn sogar berührt. In welchem Wald hat sie ihn getroffen? Auf der Lichtung, wo er zum ersten Mal den Kentauren begegnet? In dem Sumpf, in dem er sein magisches Talent entdeckt?

Martha schließt die Datei, nicht einen Satz hat sie heute über Antanas geschrieben, und dabei will sie doch einen Fantasy-Roman schreiben, stattdessen tippt sie seit Monaten belanglose Kurzgeschichten in den Rechner, so geht das nicht weiter. Sie fährt ihren Rechner herunter und holt sich eine Flasche Flensburger aus dem Kühlschrank. Ihre Augen brennen, sie ist müde.

23
Feb
2006

Hyperballad

Viel Zeit ist vergangen, seit ich das letzte Mal hier war, fast drei Monate, während der ich überhaupt so gut wie nichts geschrieben habe. Jedenfalls nichts, was ich eine Geschichte nennen könnte.

Seit Wochen arbeite ich "Hyperballad". Eigentlich soll die Geschichte mein Beitrag für die Leselust auf dem Lousberg werden. Das Thema ist "Passagen". Ich komme nicht voran mit der Geschichte, sie hat jetzt sechs Seiten, aber viel mehr als eine Rohfassung ist bisher nicht. Bis zum 8. März muss sie fertig sein. Also noch zwei Wochen, also eigentlich genung Zeit. Aber was bedeutet schon Zeit, wenn ich mal wieder an meiner Schreiberei zweifle. Hat es Sinn, dass ich es weiterversuche. Warum will ich schreiben? Warum schreibe ich hier? Wenn es sowieso niemand liest. Schreiben ein Traum, wenn es nur nicht immer wieder so schwer wäre.

Die erste Idee für "Hyperballad" hatte ich Anfang letzten Jahres. Ich habe damals sogar schon einen Absatz geschrieben. Seitdem dachte ich immer wieder an die Geschichte. Das wird eine super Geschichte, wenn ich sie erst einmal geschrieben habe, dann wird sie richtig gut, beeindruckend, dachte ich oft, so begeistert und überzeugt war ich von der Idee. Ist sie jetzt schal geworden? Habe ich sie zu oft durchkaut in Gedanken, sie mit so vielen Hoffnungen beladen, die ich selbst jetzt nicht erfüllen kann. Ist das die Lehre: Das man Geschichten nicht vor sich herschieben darf, dass man sie aufschreiben muss, wenn sie zu einem kommen, dass sie einem fremd werden, wenn man über einen langen Zeitraum immer nur an sie denkt. So wie einem Freunde fremd werden, an die man zwar denkt, mit denen man aber nicht spricht.

Wie oft habe ich in den letzten Wochen "Hyperballad" von Björk gehört, jedes Mal hoffte ich, dass es mich insperieren würde.

Jetzt stehe ich also seit einer Stunde hier am Rande der Klippen, neben (oder in mir) hockt Heiko in seinem Rollstuhl und starrt hinunter in die Brandung. Auf seinem MP3-Player läuft "Hyperballad" in einer Endlos-Schleife. Er hebt den Kopf und blickt mich. Er will, dass ich ihn hinunter stoße, damit er endlich seine Bühne betreten kann, um zu tanzen.
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Sarahs Schreiballerei

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