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Geschichten

28
Jan
2008

Das letzte Frühstück

"Nein, pfui, Max! Das ist nichts für dich"

Der Kater buckelte, als Karin Hofmann ihn von dem Frühstück wegschubste, das sie für ihren Vater bereitete.

"Karin!" Die Stimme ihres Vaters gellte aus dem ersten Stock. "Wo bleibt mein Frühstück?"

Sie blickte unschlüssig auf die Phiole, in die sie den Sud aus Hundspetersilie, geflecktem Schierling und Samen des Wunderbaums gefüllt hatte. Ihre Hand zitterte, als sie den Deckel der Phiole aufschraubte. Sie mochte den Geruch des Giftes: so roch Freiheit.

"Karin!"

Ihr Vater hatte sich nie für sie interessiert; seit er wegen des Schlaganfalls das Bett allein nicht mehr verlassen konnte, ließ er seinen Groll an ihr ab: Es reichte. Später erinnerte sie sich nicht mehr, wie sie das Gift in Saft und Kaffee gegossen hatte, nur an den letzten Tropfen, der sich zögernd vom Rand der Phiole gelöst hatte und glitzernd auf das Rührei gefallen war, erinnerte sie sich später und daran, dass sie auf der Treppe fast über Max gestolpert wäre.

"Wurde aber auch Zeit", knurrte ihr Vater, als sie das Tabelett auf den Nachtschrank stellte. "Soll ich auch noch hungern, reicht es nicht schon, dass ich nicht mehr allein laufen kann?"

"Nein, Vater, ich ..."

"Willste mir jetzt etwa auch noch zu gucken? Oder mich vielleicht sogar füttern?" Er schwang die Hand, in der er das Glas hielt. Orangensaft tropfte auf die Bettdecke. "Verschwinde! Und nimm deinen stinkenden Kater mit!"

Während Karin das Zimmer verließ, leerte der Vater das Glas in einem Zug. Nun würde es geschehen. Wie lange würde es dauern, bis das Gift wirkte? Sie ging hinunter in die Küche und setzte sich an den Tisch. Max sprang auf ihren Schoss und ließ sich von ihr kraulen.

"Karin! Uh! ... Mir ist ... Hilf mir, Karin!"

Sie presste die Hände auf die Ohren, starrte aus dem Fenster und beobachtete wie die Sonne empor stieg. Erst als sie aus dem Ausblick herausgewandert war, wagte Karin es, die Hände sinken zu lassen. Was für eine wunderbare Stille.

"Max!" Der Kater kletterte auf den Tisch und rieb sein Köpfchen an ihrer Wange. "Wir sind frei! Hörst du?"

Am liebsten wäre sie durchs Haus getanzt, aber ihre Freude dauert nicht lang. Schlagartig wurde ihr bewusst, was sie getan hatte, dass sie eine Geschichte brauchte, um zu erklären, wie ihr Vater gestorben war, und dass sie die Spuren beseitigen musste. Sie wollte gerade aus der Küche gehen, als jemand gegen das Fenster klopfte. Sie zuckte zusammen und erkannte den Arzt ihres Vaters erst nicht. Er gab ihr Zeichen, dass er zur Haustür gehe.

Fieberhaft überlegte sie, was sie dem Arzt erzählen sollte.

"Guten Morgen, Herr Dr. Kutzner! Ich bin so froh, dass Sie zufällig kommen" Ihr fiel nichts Besseres ein, als die besorgte Tochter zu spielen. "Mein Vater hatte heute Morgen Schmerzen in der Brust. Ich wollte Sie deswegen anrufen. Aber Sie wissen ja, wie er ist."

"Guten Morgen, Frau Hofmann! Eigentlich wollte ich Sie nur fragen, ob ich meinen Hut bei Ihnen vergessen habe." Dr. Kutzner trat ein. "Aber wo ich schon da bin, kann ich ja mal mit Ihrem Vater sprechen."

Als Karin den Arzt zum Schlafzimmer ihres Vaters führte, begann sie zu schwitzen. Sie fürchtete sich vor dem Anblick, der sie erwartete; hoffentlich schöpfte der Arzt keinen Verdacht.

"Vater!"

Sie erschrak, als sie die Leiche ihres Vater sah. Ein Arm hing schlaff an der Bettkante herunter. Erbrochenes quoll aus seinem Mund. Die Augen blickten zur Ecke.

Dr. Kutzner drängte sich an ihr vorbei. Er tastete nach dem den Puls des Toten und befühlte die Stirn.

"Es tut mir Leid, Frau Hoffmann" Dr. Kutzner ging auf Karin zu und nahm ihre Hände. "Ihr Vater ist tot."

"Tod? Nein, das kann doch gar nicht sein. Vorhin habe ich ihm doch noch das Frühstück gebracht."

Karin spürte, dass sie ihrem Gesicht nicht den richtigen Ausdruck geben konnte. Sie drehte sich vom Bett fort, lehnte die Stirn gegen die Wand.

"Ja, es sind wirklich seltsame Umstände" Dr. Kutzner legte eine Hand auf ihre Schulter. "Irgendwas stimmt hier nicht."

"Wie meinen Sie das?" Karins Puls hämmerte in ihrem Hals.

"Frau Hoffmann", Dr. Kutzner sah sie finster an. "Sie müssen mir genau erzählen, wie ihr Vater sich heute Morgen gefühlt hat."

"Als ich ihm das Frühstück brachte, sagte er, ihm sei schwindlig und er habe ein Stechen in der Brust, das Atmen strenge ihn an."

"Es fällt mir schwer Ihnen das zu glauben. Als ich Ihren Vater das letzte Mal untersuchte, waren sein Herz und seine Lungen in Ordnung." Der Arzt zeigt auf den Toten. "Die Merkmale an seinem Körper deuten daraufhin, dass er sich erst übergeben hat und dann erstickt ist. Das sieht mir nicht nach einem natürlichen Tod aus."

"Ich versteh nicht, was Sie damit andeuten wollen" Jetzt nur nicht die Nerven verlieren; was hatte er schon in Hand.

"Sie verstehen sehr gut. Glauben Sie etwa, ich hätte nicht bemerkt, wie das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Vater war." Dr. Kutzner zog ein Handy aus einer Hosentasche. "Ich muss die Polizei rufen."

"Was?" Karin schüttelte den Kopf "Wollen Sie damit etwa andeuten ..."

"Ich will gar nichts andeuten." Er tippte eine Nummer in das Telefon und sah sie mit düsteren Augen an.

Obwohl es ihr schwer fiel, zwang sie sich seinem Blick nicht auszuweichen. Wenn sie jetzt die Augen abwandte, wäre das so gut wie ein Geständnis. Sie musste die verwirrte Tochter spielen, die angesichts des plötzlichen Todes ihres Vaters den Vorwurf des Arzt nicht verstand.

"So, ja, also."

Ihr wurde übel. In ihrem Blick schmolzen die Gestalt des Arzt und die Leiche zu einem zerfransendem Fleck. Was war das für ein Klecks auf dem Nachtschrank. Sie rieb sich die Augen

"Nein", flüsterte sie, als sie begriff, dass der Kater sich über die Reste des Frühstücks hermachte. "Nein, Max, nein! Das darfst du nicht fressen!"

Sie packte Max und versuchte die letzten Bissen aus seinem Mund zu klauben. Der Kater fauchte, hieb mit den Krallen nach Karins Händen, weshalb sie ihren Griff löste. Der Kater flüchtete aus dem Zimmer.

"Herr Dr. Kutzner!" Sie wollte dem Kater folgen. "Er muss alles wieder ausspucken."

"Weshalb?" Der Arzt stellte sich ihr in den Weg.

"Er wird sterben, er darf nicht sterben!", kreischte Karin hysterisch. "Bitte, helfen Sie mir, wir müssen ihn finden. Haben Sie nicht ein Abführmittel oder so was?"

"Was ist mit dem Frühstück?" Dr. Kutzner packte Karin bei den Schulter. "Was haben Sie damit gemacht? Haben Sie Gift hineingetan?"

"Ja, ja!", seufzte Karin und sank auf die Knie. "Bitte, Dr. Kutzner, sie müssen Max finden. Er darf nicht sterben, nicht er, das wollte ich nicht."

27
Jan
2008

Nutte

„Na, los nun fahr schon! Grüner wird’s nicht!“

Martha haute die Faust auf die Hupe. Der rote Polo machte einen Satz nach, dann blieb er wieder stehen.

„So Idiot! So ein Sonntagsfahrer! Kann noch nicht an einer Ampel anfahren!“

Sie blickte über die Schulter, suchte im Verkehr nach einer Lücke. Endlich fand sie eine, sie scherte aus der rechten Spur aus, um den Wagen vor ihr zu überholen. Gerade als sie Gas geben wollte, sprang die Ampel am auf rot.

„Scheiße!“

Im Rückspielgel sah, wie die Fahrerin des Polo immer noch mit dem Anlasser kämpfte. So wie die aussieht hat die ihren Führerschein vor über 40 Jahren gemacht. Das die überhaupt noch fahren darf.

Martha drehte die Lautstärke des CD-Players hoch. Sie stand mit ihrem Wagen in der ersten Reihe an der Ampel. Ein älterer Herr humpelte über die Straße, er trug zwei aufgerissene Plastiktüten, aus denen Bierflaschen herausragten. Martha beobachtete den Mann, vor dem Bordstein bliebstehen, trat zwei Mal auf der Stelle, bevor einen Fuss hob zum Schritt hob. Genau in dem Moment als er an der Eckbar vorüber humpelte, öffnete sich die Tür. Die Fenster der Bar waren mit schwarzer Folie zugeklebt. Auf einer Scheibe posierte das Bild einer Frau, die nur mit Slip und BH bekleidet, sie stemmte die Hände in die Hüften, hielt den Kopf schief und blickte verführerisch auf die Passanten.

Was müssen das für Männer sein, dachte Martha, die in solche Bars gehen, und was für Frauen arbeiten dort?

Ein Arm streckte sich aus dem Spalte, die Finger gespreizt, die Handfläche nach oben, als prüfe jemand, ob es regne. Die Hand wurde zurückgezogen. Eine Frau trat aus der Bar auf den Gehsteig. Sie löste das Band, das die schwarzen Haare zusammenhielt, legte den Kopf in den Nacken, fuhr mit Finger durch die Strähnen, schwarze glänzende Strähnen, die bis zu den Kniekehlen flossen, dunkles Wasser, das aus einer Quelle sprudelt. Ein Koreanerin oder eine Japanerin. Die Frau blickte nach beiden Seiten, während sie ihre Strickjacke zuknöpfte, sonst trug sie nur eine hautenge Jeans und Espandrillos, kein Schmuck, sie war ungeschminkt, drehte den Kopf zur Straße und auf einmal trafen sich ihre Blicke.

Obwohl die Musik noch immer aus den Lautsprecher dröhnte, schien es viel stiller im Wagen zu werden. Martha nahm eine Hand vom Lenkrad. Die Frau an der Straße, legte den Kopf zur Seite, hob die Mundwinkel zu einem Lächeln, dann eine Hand, zupfte mit den Finger einen Gruß aus der Luft, der wie eine unsichtbare Feder über den Gehsteig schwebte. Martha winkte schüchtern.

Dann hörte sie das Hupen der Wagen hinter ihr. Der rote Polo fuhr an ihr vorbei. Die Fahrerin zeigte Martha einen Vogel. Der alte Mann mit den Plastiktüten verschwand in einer Seitengasse. Martha trat auf die Kupplung, würgte beinah den Motor ab und schaffte es gerade noch bei gelb über die Kreuzung. Sie sah mehr in den Rückspiegel als nach vorn.

11
Nov
2007

Martha will ein iPhone

Ein feuchter Wind blies durch die Schildergasse. Martha klappte den Kragen ihres Mantels hoch, presste die Hände in die Taschen und stellte sich in die Reihe der Leute, die vor dem T-Punkt warteten. Sie schaute auf ihre Armbanduhr: 23:45, noch eine viertel Stunde bis der Laden öffnete, dann endlich hätte das lange Warten ein Ende. Der Asphalt glänzte im Schein der Straßenlaternen und dem Licht, das aus den Schaufenstern der Nachbargeschäfte fiel, vor denen natürlich keine Menschenmenge stand. Nur ein paar Schaulustige steckten die Köpfe zusammen und lästerten über die Leute, die bei so einem ungemütlichen Wetter kurz vor Mitternacht vor einem T-Punkt ausharrten, nur um ein Telefon zu kaufen. Journalisten und Kamerateams drängelten sich durch die Gruppe, um vom Verkaufsstart es iPhones in Deutschland zu berichten

Noch zehn Minuten, dann endlich würde auch sie eines kaufen können. Das coolste Mobilfunktelefon aller Zeiten. Sie spürte, wie sich bei diesem Gedanken ein verklärter Ausdruck über ihr Gesicht legte, den sie nur zu gut kannte. Mit diesem Lächeln sprachen alle Apple-Begeisterten, wenn sie von ihrem Panther, Tiger oder Leoparden schwärmten.

„Du willst dir das Ding also wirklich kaufen?“, hatte Lutz gefragt und verständnislos den Kopf geschüttelt, als sie sich an diesem Abend auf dem Weg machte. „Du bist verrrückt!“

Als Martha um kurz nach Mitternacht den T-Punkt betrat, dachte sie wieder an die Argumente, die Lutz aufgezählt hatte. Brauchte sie das iPhone so dringend, dass es sich lohnte die nächsten zwei Jahre jeden Monat mindestens 49,-- € Grundgebühr zu zahlen? Natürlich war der Tarif teuer. Und wenn sie ehrlich war, brauchte sie das iPhone nicht. Bisher hatte sie die Möglichkeit, das Internet in ihrer Handtasche mit sich herumtragen zu können, nicht vermisst. Im Durchschnitt bekam sie pro Tag drei oder vier Emails, die selten so dringend waren, dass sie permanenten Zugriff auf ihr Emailkonto benötigte. Beim iPhone ging es nicht um dessen Notwendigkeit sondern um dessen Eleganz und konzeptionelle Schlichtheit. Es kam mit einem einzigen Bedienknopf aus, dessen Funktionalität allein darin bestand, aus jedem beliebigen Zustand zurück zum Startbildschirm zu gelangen. Verglichen damit war ihr Nokia 6230i und jedes andere Mobilfunktelefon ein grob zurecht geschliefener Faustkeil. Die Frage war nicht, ob sie es brauchte sondern ob sie es haben wollte. Ja, sie wollte es haben!

Sie erinnerte sich an ihre Reaktion als sie vor einigen Monaten Steve Jobs Präsentation des iPhones sah. Schon damals war sie begeistert gewesen. Seitdem verfolgte sie jede Meldung im Internet, wann und bei welchem Provider des iPhone in Deutschland erhältlich sein würde. Als dann die ersten Gerüchte der iPhone-Tarife von T-Mobile kursierten, war sie enttäuscht, weil sie sich die nicht leisten konnte. Nachdem sie die ersten Analysen der Tarife gelesen hatte, nach denen diese verglichen mit ähnlichen Tarifen anderer Provider durchaus fair seien, ebbte ihre Enttäuschung über Apple und T-Mobile für ein paar Stunden ab. Dann mussten die Tarife wohl so teuer sein, wenn das selbst der Redakteur von Spiegel-Online schrieb. Aber ihre Enttäuschung kehrte bald zurück. Nein, darum ging es doch gar nicht. Es ging einfach nur darum, dass Martha das iPhone haben wollte, weil sein Design und seine Funktionalität sie irgendwie ansprachen. Sie besass ein MacBook und einen iPod. Sie bereute keinen Cent, den sie dafür bezahlt hatte, obwohl Apple-Produkte teurer waren als vergleichbare Geräte anderer Hersteller. Sie war auch bereit den Preis des iPhones zu zahlen. Aber sie sah nicht ein, weshalb sie zusätzlich eine monatliche Mindestensgebühr zahlen sollte, nur um das iPhone besitzen zu dürfen. Warum durfte sie das iPhone nicht mit ihrem jetzigen Tarif nutzen? Natürlich war es für diesen überdimensioniert. Sie brauchte kein Visual-Voice-Mail, sie brauchte das Internet nicht in ihrer Handtasche, sie musste nicht im WiFi-iTunes-Store Musik kaufen. Sie wollte mit dem iPhone nur telefonieren, Musik hören, Fotos und Videos gucken, das alles in einem einzigen coolen Gerät. Sie wollte das iPhone einfach nur genießen.

Sie stand vor einem Stapel mit iPhones-Karton. Eine Mitarbeiterin des T-Punktes bot ihr einen Kaffee an, sie lehnte dankend ab. Ihre Füße froren. Sie nahm eine Karton vom Stapel, ihre Hände zitterten, sie schaute zur Kasse und spürte wieder die Wut und Enttäuschung, wie vorhin als sie sich mit Lutz wegen des iPhones gestritten hatte.

„Das verstehst du nicht!“, hatte sie geschrien und war aus der Wohnung gestürmt.

Sie bereute, dass sie ihre Enttäuschung über Apples Vermarktungsstrategie für das iPhone an Lutz ausgelassen hatte; diese Strategie die so gar nicht zu ihrem bisherigen Bild von Apple passte, die ihr so kalt und berechnend schien.

„Hey, Martha!“

Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich um. Lutz Blick traf sie so überraschend, dass sie zuckte und einen Schritt zurück machte. Seine Hände steckten in den Taschen seines Duffle Coat, um den Hals hatte er den Schal gewickelt, den sie ihm gestrickt hatte.

„Du brauchst kein iPhone, um cool zu sein“, sagte er ruhig. „Für mich bist du die coolste Frau der Welt!“

Martha legte den Karton zurück und lächelte.

21
Aug
2007

ZEIT-Schnipsel

Ihr Platz war besetzt! Frau Bönschuber stand in der Tür des Busses und starrte auf die erste Sitzreihe. Sie stellte die Tüte mit den Deutschklausuren ab, griff mit zittrigen Fingern nach ihrer Brille, die an einer Kette um ihren Hals hing, und schob das Gestell auf die Nase. Auf ihrem Platz am Fenster saß ein kleiner, dicker Mann, der in schwarz gekleidet war, eine Melone auf dem Kopf trug und wegen seines weißen Gesichtes einer aufgeschnittenen Kokosnuss ähnelte. Was für eine lächerliche Erscheinung, dachte Frau Bönschuber.

"Nun, machen Sie 'mal hin!", drängelte der Fahrer, "andere Leute wollen auch noch einsteigen."

Frau Bönschuber drehte den Kopf zur Seite, streckte die Nase in Höhe und blickte mit zusammengepressten Lippen auf den Fahrer herab, dass dieser wie einer ihrer Schüler rot wurde, dann ging sie ohne das Haupt zu senken zu ihrem Platz. Der Sitz neben dem Fettwanst war frei; aber hier ging es ums Prinzip. Seit Jahren fuhr sie mit der Linie 76 zum Gymnasium, immer war der Platz für sie reserviert gewesen. Wenn sie ihn sich jetzt nehmen ließ, wer würde morgen dort sitzen? Ein schwitzender Arbeiter auf dem Heimweg von der Nachschicht? Bei diesem Gedanken lief ein Schaudern ihren Rücken hinunter. Frau Bönschuber richtete sich neben dem freien Platz auf und räusperte sich.

"Oh, entschuldigen Sie", sagte der Mann und nahm seine Aktentasche, die er neben sich abgelegt hatte, auf seinen Schoß, "Ist das nicht ein wunderschöner Morgen!"

In diesem Moment fuhr der Bus an und wegen der Trägheit ihrer Masse verlor Frau Bönschuber die Balance und glitt gerade noch auf den freien Platz, bevor sie auf den Gang stürzte.

"Alles in Ordnung?", lächelte der Mann neben ihr.

Was erlaubte sich dieser Kerl? Erst raubte er ihr den Platz, jetzt war er auch noch höflich, so dass Frau Bönschuber nett zu ihm sein musste. Sie quetschte ein Lächeln durch ihre Lippen, wandte sich ab, schnaubte und sann nach Rache. Da fiel ihr die ZEIT ein, die zwischen den Klausuren steckte. Es gab nur zwei Arten, wie man die ZEIT lesen konnte: entweder man spannte die Seiten vor sich auf oder man faltete die Artikel zu handlicher Größe zusammen. Frau Bönschuber zog die aktuelle Ausgabe aus der Tüte, wählte die erste Variante und, als sie das Feuilleton aufschlug, streckte sie eine Hand vor das Gesicht ihres Nachbarn. Das hatte er nun davon. Wenn er schon auf ihrem Platz saß, durfte er keine Freude daran haben. Aber er ließ sich nicht stören. Bald erlahmten ihre Arme und die Fahrbewegungen des Bus zerknitterten die Seiten.

"Gnädige Frau, darf ich ihnen behilflich sein?" fragte der Dicke.

"Wobei könnten sie mir denn helfen?", fauchte Frau Bönschuber und erschrak, weil sie die Beherrschung verloren hatte.

"So kann man die ZEIT nicht lesen." sagte er und kramte eine Schere aus seiner Aktentasche.

"Gestatten sie?"

Er wartete einen Moment, dann nahm er ihr die Seiten aus der Hand, falte sie zusammen und schnitt entlang der Faltung.

"Was machen sie da? Sie können doch die ZEIT nicht zerschneiden"

"Mit dieser Schere", antwortete der Mann, "kann ich jede Zeitung zerschneiden. Vor der erschreckt sogar die Samstagsausgabe der FAZ."

Er machte eine Pause, während der er die halben Seiten sortierte.

"Aber die ZEIT ist natürlich ein ganz besonders störrisches Individuum", fuhr er fort, "Man kann sie durchaus mit dem Scheinriesen Tur Tur vergleichen."

"Mit wem?"

Wie betäubt sah Frau Bönschuber dem Treiben des Mannes zu und sie überlegte, ob sie ihre liberalen Grundsätze, ihre Überzeugung, dass nur Gewaltlosigkeit die Welt vor dem Untergang retten könne, aufgeben sollte und stattdessen dem Kerl die Schere entreißen und ihm ins Herz stoßen sollte, um ihre ZEIT, ja um die ZEIT an sich zu retten.

"Der Scheinriese Tur Tur, der in der Ferne riesig erscheint und beim Näherkommen schrumpft. Haben sie etwa Jim Knopf nicht gelesen?", fragte der Mann und zerschnitt die Seiten zuerst längs und dann quer, so dass er jede Doppelseite in acht Blätter zerteilt hatte.

"Gute Frau! Sie müssen die ZEIT einmal beobachten, wenn sie am Kiosk zwischen den anderen Zeitungen steckt. Mit ihrem Format und dem protzigen Titel plustert sie sich auf, als sei sie ein Gigant des Journalismus. Wenn man sie dann in den Händen hält und unter der Last des Pseudoliberalismus ihrer aufgedonnerten Artikel zusammenbricht, dann hat sie einen schon so gut wie gefangen."

Der Mann sortierte die Blätter nach einem, wie es Frau Bönschuber schien, willkürlichen Prinzip.

"Aber die ZEIT ist eine Fackel des Liberalismus!", Frau Bönschuber fühlte sich berufen das einfältige Geschwätz zu beenden, sie gierte nach der Schere. "Auch in Zeiten, in denen andere Blätter sich dem Zeitgeist anbiedern, bleibt die ZEIT ihren Prinzipien treu."

"Ja, ihren Prinzipien bleibt sie treu: Nämlich ihre Leser einzuschläfern, sie abhängig zu machen. Man gewöhnt sich an sie wie an schlechten Rotwein. Wenn man sie einmal gelesen hat, hängt man an ihr wie ein Fixer an der Nadel. Auch sie sind so ein Opfer."

Frau Bönschuber griff nach der Schere, die der Mann zwischen die Sitze geklemmt hatte; aber er packte ihre Hand, als sie zu ihrem Stoß ausholte, entriss Frau Bönschuber die Schere und steckte sie zurück in seinen Aktenkoffer.

"Sie Schuft! Sie Ungeheuer!" schrie Frau Bönschuber, so dass einige Fahrgäste sich umdrehten und sie aufforderten gefälligst ruhig zu sein.

"Ausserdem bin ich überzeugt, dass die ZEIT sich mit den Philologen verschworen hat, damit Deutschlehrer ihre Leistungskurse mit verworrenen Artikeln quälen können."

Trotz seiner Leibesfülle schlängelte sich der Mann an ihr vorbei, ohne dass sie ihm seine Aktentasche entreißen konnte. Er reichte Frau Bönschuber die zerteilten Seiten.

"Seien sie mir dankbar, dass ich den Scheinriesen für sie auf seine wahre Größe reduziert habe", sagte er, als er den Haltewunschknopf drückte, "Nur wenn sie die ZEIT in diesem Format lesen, können sie das Kleinkarierte in den Artikeln erkennen."

Der Bus hielt an der nächsten Haltestelle. Bevor der Mann ausstieg, reichte er ihr einen zusammengefalteten Zettel.

"Hier die Leseanleitung, sie sagt ihnen in welcher Reihenfolge sie die Blätter lesen müssen."

Der Mann trat auf den Bürgersteig. Der Bus fuhr weiter. Als sich Frau Bönschuber nach ihm umdrehte, grinste er und lüpfte die Melone zum Gruß. Sie faltete den Zettel auseinander: Er war leer.

3
Aug
2007

Die alte Maus

Es war einmal eine alte Maus, die hockte am Rand eines Blumenbeetes im Schatten eines Busches. Sie streckte die Nase in die Luft, roch den Sommer, der nun doch noch endlich gekommen war, nachdem es wochenlang nur geregnet hatte. Ein Schmetterling flog an ihrem Versteckt vorbei. Die Sonne stand hoch am Himmel. Sie war froh, dass heute die Sonne schien. Ein schöner Tag dachte sie, so hatte sie es sich immer gewünscht. Sie war eine große fette braune Maus, durch ihr Fell zogen sich nur wenige graue Strähnen. Sie überlegt, ob sie sich jetzt schon in die Sonne legen sollte, sie fühlte in sich hinein. Nein noch war es nicht so weit. Wenn sie jetzt auf den Asphalt legte, wäre die Gefahr, dass sie doch gefressen würde, zu gross. Sie erinnerte sich an ihre Geschwister, alle waren sie längst Beute eines Raubtiers geworden. Die kleine Schwester war gleich am ersten Tag nach ihrer Geburt, als sie sich aus der Höhle trauten, um die Wiese zu erkunden, von einem Fuchs verschlungen wurden. Die Maus seufzte. So war das eben, als Maus. Mäuse sind zum Fressen da. Lautet der erste Satz, den sie von ihrer Mutter gelernt hatte. Der Tod gehörte von Anfang zum Leben dazu. Immer war sie auf der Hut gewesen, hatte vorsichtig geschnuppert und gehorcht, bevor sie sich aus ihrer Höhle wagte. Einmal hatte sie stundenlang im Eingang ihres Loches gehockt, obwohl damals ein noch schöner Sommertag als heute war und obwohl über die Wiese ein verführerischer Duft nach Käse und Speck strömte. Die ganze Zeit starrte sie zum Himmel, ein Mäusebussard kreiste über der Wiese. Sie träumte von dem Käse und dem Speck. Endlich verlor der Raubvogel die Geduld und gleite zu den Wiesen jenseits des Waldes, um dort nach Beute zu spähen. Die Sonne hing inzwischen tief über den Horizont. Dann erst hatte sich die Maus damals herausgetraut aus ihrem Loch.

Die Eingangstür des Bürogebäudes öffnet sich. Die Maus verkroch sich im Gebüsch. Menschen war gefährlich. Von dieser Frau, die über den Hof zu ihrem Wagen ging, hatte die Maus wenig zu befürchten, den die Frau humpelt und zog ein Bein nach. Ihre Schuhe schlurften über den Boden. Ein Geräusch, dass in den empfindlich Ohren der Maus unangenehm war. Trotz ihres Alters war, konnte sie noch immer so gut hören wie als sie noch ein junges Mäuschen war. Nur ihre Beinchen waren nicht mehr so kräftig. Wenn sie über die Wiesen schlich, schmerzten die Gelenke, weshalb sie nur noch selten nach Nahrung suchte. Wenn sie während der letzten Tage hungrig in ihrem Loch eingerollt hatte, betete sie jedes Mal, der Sommer rechtzeitig kommen möge.

Die Frau hatte ihren Wagen erreicht und fuhr davon. Die alte Maus kroch an den Rand des Gebüsches. Sie spürte, dass ihre Zeit gekommen war. Sie spähte zum Himmel: Kein Raubvogel in Sicht, keine Krähe, die sich oft um diese Tageszeit hier herumtrieben. Hunde hatte sie nicht zu fürchten, die kamen erst später am Nachmittag mit den Spaziergänger. Katzen streunten hier selten herum, weil das Bürogebäude abseits der nächsten Siedlung lag. Sie konnte es wagen. Jetzt oder nie! Die alte Maus kroch aus dem Gebüsch hervor. Sie atmetet tief ein, sie spürte einen Stich in der Seite, sie hustete. Langsam kroch sie aus dem Schatten in die Sonne. Ihre Muskeln begannen zu zittern, ihre Kräfte schwanden. Sie streckte die Beine aus, ließ sich auf die warmen Steine sinken. Sie spitzte die Ohren, als sie den Schrei eines Bussards hörte, aber der entfernte sich. Sie schloss die Augen, erinnerte sich an den Duften von Käse, den Geschmack von reifen Erdbeeren, hörte das Laub über ihrer Winterhöhle rascheln. So hatte sich es sich immer gewünscht, im Sonnenschein, einmal tief Luft holte sie Luft, atmete langsam für immer aus.

30
Mai
2007

Zwei Tauben

Martha schnaubte, als sie den BMW sah, der an der schmallsten Stellen der Auffahrt zum Firmenparkplatz stand und den Zugang zum Gebäude versperrte. Sie bremste und fuhr langsam zu ihrem Parkplatz. Siekannte die genaue Typbezeichung des Wagens nicht. Aus dem Kennzeichen schloss sie, dass es sich um einen Firmawagen handelte, denn ihr Arbeitgeber hatte sich alle Kennzeichen mit einer bestimmter Buchstabenkombination reservieren lassen. Wieviel das wohl kostet hatte? Als ob die Firma nicht schon genung Geld zum Fenster hinauswarf. Der Fahrer des Wagens starrte geradeaus, als sie ihren Kleinwagen an der Nobellimousine vorbeisteuerte. In ihrem Nissan Micra als sie sich vor, als flöge sie mit einem Propellerflugzeug an einem Airbus 380 vorbei. Hoffentlich rammte sie den BMW, dachte sie, als der BMW an der Beifahrerseite vorüber glitt. Die Fahrer solcher Autos waren besonders empfindlich, wenn es um Kratzer im Lack ging, selbst wenn sie kaum breiter als ein Haar waren.

Matha kurbelte die Scheibe der Fahrertür herunter, um zu gucken, wie viel Platz sie zum Ausweichen hatte, und entdeckte eine Taube, die mit aufgeplustertem Gefieder kaum eine Schnabellänge entfernt auf dem Asphalt hockte. Die Farbe des Vogels ähnelte der Farbe des BMW. Im Nacken schimmerten die Feder in einem Blauton, der an die Farbe der Jacke des Fahrer erinnerte. Sie spähte über ihre Schulter zu dem Mann. der noch immer regungslos auf sein Lenkrad sass. Sie schmunzelte, wie sehr der Mann und die Taube einander ähnelten. Während sie ihren Wagen einparkte, stellte sie sich vor, wie zuerst die Taube aufflog und dann der BMW seine metallenen Flügel spannte, um dem Vogel zu folgen. Als sie sich an dem BMW vorbei zwängte, sah sie dem Fahrer für einen Moment in die Augen, sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht los zu prusten.

4
Feb
2007

Nero

gesehen im Park des alten Klinikum in Aachen am 4. Februar 2007

"Kommt Nero in den Himmel?"

Tim nahm den Deckel von der Kiste, in die sein Vater den toten Welpen gelegt hatte, und streichelte das Tier.

"Nein!", sagte Tims große Schwester Nina, die hinter ihrem Vater stand und an einem Lutscher leckte. "Nur Menschen kommen in den Himmel, Tiere nicht."

"Er kommt in den Tierhimmel", sagte der Vater und trat den Spaten, den er mitgebracht hatte, in den Rasen. Nach wenigen Stichen war das Loch groß genug für die Kiste.

"Es gibt ja gar keinen Tierhimmel.", sagte Nina.

"So, so, meine neunmalkluge Prinzessin", der Vater stupste seiner Tochter mit der Hand auf die Nase. "Und woher weist du das?"

Nina grinste. Tim klopfte mit einer kleinen Schaufel den Rand und den Boden des Lochs fest, dann deckte er die Kister wieder zu und half seinem Vater sie in das Loch zu legen.

"Es gibt keinen Tierhimmel", beharrte Nina, "weil dann ja Hunde und Katzen in denselben Himmel kämen. Die Hunde müssten dann ständig die Katzen jagen und die Katzen immer vor den Hunden davon laufen."

"Daran habe ich gar nicht gedacht." Der Vater kratzte sich am Kopf, nachdem er ein Schaufel Erde auf die Kiste geschüttet hatte. "Das gäbe da oben natürlich ein großes Durcheinander."

"Und stell die den Tumult erst vor", fuhr Nina fort, "wenn auch noch Löwen und Zebras in den Tierhimmel kommen."

"Aber ein toter Löwe muss doch keine Zebras mehr fressen." Tim hatte verstanden, was seine Schwester meinte.

"Aber jagen muss er sie trotzdem" erwiderte Nina. "Irgendwie muss der Löwe sich ja die Zeit vertreiben. Sonst würde er sich doch zu Tode langweilen."

"Also was wird nun aus Nero?" Tim rammte das Holzkreuz, das er mit seiner Mutter gebastelt hatte, über der Stelle in den Boden, wo sie Nero begraben hatten.

"Dann muss er wohl in den Hundehimmel kommen." Der Vater zwinkerte seiner Tochter zu. Nina hielt sich eine Hand vor den Mund, um nicht laut los zu lachen.

"Im Hundehimmel wird es Nero bestimmt gefallen." Tim hängte den kleinen Stoffhund, der Neros Lieblingsspielzeug gewesen war, an das Kreuz. "Da kann er mit den anderen Hunden spielen. Vielleicht trifft er da auch seinen Großvater."

"Vielleicht", schmunzelte der Vater.

Auf dem Rückweg nach Hause, ging Tim vor seinem Vater und seiner Schwester her und erzählte, wie er sich den Hundehimmel vorstellte.

30
Sep
2006

Ein größeres Büro

Manchmal hasste Clemens seinen Job. Auf dem Display seines Notebook flimmerte die Pressemitteilung, die er in ein paar Minuten per Mausclick abschicken würde. Automatisch ohne viel Anstrengung würde sie die Redaktionen der wichtigsten Wirtschaftsmagazine des Landes erreichen. Agenturen würden sie zitieren. Die nächsten Nachrichtensendungen würden einen Bericht darüber bringen. Ein einfacher Druck auf die rechte Maustaste - mehr brauchte er nicht zu tun - und wieder wären 3000 Arbeitsplätze vernichtet. Die gut informierten Kreise wussten natürlich seit Wochen, wenn nicht seit Monaten oder seitdem die Sache begonnen hatte Bescheid. Auch ihm selbst war von Anfang an klar worauf das Engagement der Asiaten hinauslaufen sollte. Wer den Braten hätte riechen wollen, der hätte den beißenden Gestank einer nüchternden Kalkulation in der Nase spüren können. Aber die meisten hatten sich ihren Nasen zu gehalten. Erst vor einer Woche hatte ihm ein Kolumnist einer Tageszeitung den Entwurf eines Kommentars gezeigt, den der Redakteur als Antwort auf die Pressemitteilung drucken wollte, die Clemens im Begriff war abzusenden.

"Wann lasst ihr die Sache raus", hatte der Journalist ihn gefragt und dabei dies Lechzen nach der Story in den Augen gehabt, die Gier nach einer ruchlosen Nachricht, die er und seine Kollegen mit zur Schau gestellter moralischer Entrüstung kommentieren würden.

"In ein paar Sekunden", murmelte Clemens. Sein Finger kreiste über dem Mausknopf. Um Moral ging es nie, selbst wenn auch seine Firma einen "Code of Conduct" hatte, in dem jeder Mitarbeiter auf ein bestimmtes moralisches Verhalten eingeschworen wurde. Alles nur ein Feigenblatt, mehr nicht. Er überflog die Argumente: Sinkende Absatzzahlen, enttäuschendes Weihnachtsgeschäft. Dabei hatte das Weihnachtsgeschäft noch gar nicht bekommen. Die Werbekampgen liefen gerade erst an. Von wem dieser Punkt kam wusste er nicht mehr. Es hatte lange Konferenzen gegeben, in denen Clemens mehrere Entwürfe der Presseerklärung vorgestellt hatte. Nach jeder hatte er anerkennende Blicke gespürt.

Er stand von seinem Schreibtisch auf, ging zu der Fensterfront seines Büros, von der aus er auf den Platz vor der Deutschland-Zentrale herunter blicken konnte. In ein paar Stunden würde es da unten von Reportern, Übertragungswagen und Mikrofonen wimmeln. Er würde sich durch kämpfen müssen und bohrende Fragen nach Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern des Unternehmens schössen aus den Mikrofon ihm entgegen, das war okay, das war sein Job, unter anderem dafür das auszuhalten, wurde er bezahlt.

Langsam neigte sich die Sonne über München dem Horizont zu, die Strahlen blendeten ihn, aus einer Hosentasche zog er sein Handy hervor, das beste und teuerste Modell das sein Unternehmen anzubieten hatte, ausgestattet mit allem erdenklichen Schnickschnack, und doch war es ein Ladenhüter, kaum jemand wollte damit telefonieren. Clemens wog das Gerät in der Hand. Würde er es kaufen, wenn er es bezahlen müsste, wenn es ihm nicht von der Firma gestellt würde. Diese Frage hatte er sich nie wirklich gestellt. Er drehte dem Fenster den Rücken zu und betrachtete seinen Schreibtisch, ließ den Blick von seinem Stuhl über das Gemälde eines bekannten bayrischen Malers streifen. Er mochte sein Büro. Alle seine Wünsche waren bei der Einrichtung des Raumes berücksichtigt wurden. Er nahm wieder in seinem Ledersessel Platz, wippte ein paar Mal mit der Lehne zurück, trommelte mit den Fingern auf der Glasplatte, während der Mauszeiger noch immer über dem Sendeknopf schwebte. Er hatte keine Wahl gehabt, oder doch? Sei's drum. Er schickte die Pressemitteilung ab.

Eines wusste er sicher: Sein nächstes Büro würde noch größer und noch teurer eingerichtet sein und wenn Glück hatte, läge es in Asien...

17
Sep
2006

Vorlagen

"Kann ich Ihnen helfen?"

Emma zuckte zusammen, als sie unvermittelt eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Sie mochte es nicht ungefragt berührt zu werden. Erst recht nicht von einer Verkäuferin, die ihre Tochter hätte sein können, oder nein ihre Enkelin, korrigierte sie ihren Gedanken, als sie dem jungen Ding in die Augen schaute.

"Haben Sie diese Bluse auch in Größe 44/46" Emma nahm eine rote Seidenbluse aus dem Regal, die ihr einigermaßen gut gefiel. Der Blick der Verkäüferin huschte an Emma herab, so rasch, dass er kaum wahrnehmbar war. Trotzdem war ihr nicht entgangen wie die Mundwinkel des Mädchens verächtlich nach unten zuckten. Dir können wir hier nicht helfen, sagte diese Mime aus, was an sich Emma nicht gestört hätte, aber es gefiel ihr nicht, wenn Verkäuferinnen sie duzten. Denn es gab diesen feinen Unterschied zwischen einem Gesicht, hinter dessen Stirn die Gedanken im höflichen "Sie" formuliert worden, und einem, das die Höflichkeit fallen ließ und das herablassende "du" benutzte.

"Da muss ich erst mal im Lager nach gucken"

Das junge Ding stakste nach hinten. Unter einem weißen Minirock wippten die Hüften. Emma wandte sich zu einem der Spiegel. die zwischen den Kleiderständern standen. So schlecht sah sieh heute wirklich nicht aus. Sie zupfte ein paar graue Strähnen zurecht und spürte in ihrer Blase ein leichtes Ziehen. Es war also wieder soweit. Die Boutique schien keine Kundentoilette zu haben, aber zum Glück ging es auch so.

"Tut mir leid. Die Bluse haben wir nur noch in 36 und 38"

Natürlich in welchen Größen auch sonst. Für manche Geschäfte schien geradezu unvollstellbar, dass auch etwas fülligere Kundinnen bei ihnen etwas kaufen wollte.

"Dann nehm ich sie in 36", entgegnete Emma.

Dann Blick der Verkäuferin weitete sich, als sei sie unsicher, ob sie richtig gehört hatte.

"Für meine Enkelin", fuhr Emma fort und ging voraus zur Kasse. Der Druck in ihrer Blase wurde stärker, wovon sie sich nicht irritieren ließ. Als die Verkäuferin die Bluse einpackte war es soweit. Emma machte sich in die Hose, pardon in die Vorlage, eine der segensreichsten Erfindungen. Sie lächelte die Verkäuferin an. Wenn du wüsstest, dass ich mir gerade in die Hose pinkle. Emma spürte wie es zwischen ihren Beinen warm wurde. Sie schämte sich nicht deswegen. Warum auch? War es nicht das natürlichste auf der Welt? Sie stellte sich vor, was für ein Theater das junge Ding machen würde, wenn sich in ihrem weißen Röckchen plötzlich ein gelber Fleck ausbreitete. Dann würde sie bestimmt nicht mehr so von oben auf Emma herabschauen.

"Vielen Dank für ihren Einkauf!"

Die Verkäuferin reichte Emma die Tüte. Die war doch nur froh, dass Emma endlich den Laden verließ. Aber auch die würde irgendwann in Emmas Alter kommen.

12
Sep
2006

Scheiterhaufen sind schön

"Hör auf! Hör auf", krächzte die heisere Stimme von unten herauf. "Ich kann dein Jammern nicht mehr ertragen!"

"Aber es tut heute ganz besonders weh!", brummte die Antwort von oben herab. "Diesmal ist ein schwerer Brocken, viel schwerer als die anderen zuvor."

"Die alte Leier", beklagte sich das Krächzen. "Jedes Mal sind sie schwerer als vorher. Ich kann es einfach nicht mehr hören. Wenn ich mir nur die Ohren zu halten könnte."

"Was hast du denn schon groß auszuhalten. Du liegst zwischen meinen Wurzeln und läßt es dir gut gehen." Es knarrte in der alten Eiche, als der Wind durch ihre Krone fuhr. "An mir zerrt das Gewicht, an mir, bei diesem Wetter könnte der Ast jeden Moment brechen."

"Und auf wen fällt er dann herab?", schrie der Stein. "Doch wohl auf mich."

"Niemand zwingt dich hier zu bleiben."

"Ich war zuerst da", beharrte der Stein. "Seit Äonen habe ich hier gelegen und hatte meinen Frieden. Bis du kamst."

"He, He, wir wollen doch bei der Wahrheit bleiben", unterbrach die Eiche. "Du warst doch froh, nicht mehr allein zu sein. Endlich jemand zum Reden, sagtest du, als ich mich neben dir niederließ."

"Anfangs warst du ja auch ein niedlicher Sprößling. Aber jetzt bist du ein solches Ungetüm, dass ich seit Jahren keine Sonne mehr abgekriegt habe. Im Herbst begräbst du mich unter deinem Laub. Und jetzt kommen auch noch alle paar Wochen die Leute aus der Stadt, um eine arme Seele über mir auf zu hängen."

"Du tust mir ja so leid. Als sie den Fettwanst vorhin auspeitschten und er hin und her baumelte, zog es dermaßen in meinem Stamm, dass ich mich fast nach einem Blitzschlag sehnte, der mich von meinen Qualen erlöst."

"Auf mich tropft jetzt sein Blut. In ein paar Tagen, wenn der Kerln anfängt zu verfaulen, wenn die Krähen an ihm nagen, dann fällt sein stinkendes Fleisch auf mich herab. Und ich kann mir noch nicht einmal die Nase zu halten."

"Warum streiten wir uns eigentlich jedes Mal wieder?", fragte die Eiche nachdenklich.

"Weil es widerlich ist Menschen auszupeitschen und in Bäumen aufzuhängen."

"Ja, du hast recht, widerlich und grausam", sinnierte der Baum. "Erinnerst du dich noch an Zeit, als sie Hexen auf Scheiternhaufen verbrannten?"

"Das waren noch Zeiten!", träumte der Stein. "Sie haben deine abgebrochenen Zweige von mir fortgeräumt und aufgeschichtet."

"Und wenn das Feuer so richtig loderter, dann wurde es im bittersten Winter warm auf unserem Hügel."

"Ja, Scheiterhaufen auf sind schön", bestätigte der Stein.
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