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Gedanken

3
Nov
2007

Das Mädchen am fernen Ufer

Seit einiger Zeit beobachte ich eine seltsame Entwicklung bei mir, mit der ich so nicht gerechnet hatte, als ich meinen Weg vom Mann zur Frau vor vier Jahren begann. Ich kann mich noch gut an ein Telefongespräch mit einer Freundin erinnern, als ich gerade dabei mich an meinen weiblichen Vornamen zu gewöhnen. Als ich damals ihre Nummer wählte, lebte ich glaube ich noch nicht als Frau, sondern ging noch als Mann zur Arbeit und lebte meine Weiblichkeit nur in der Freizeit. An den genauen Anlass des Anrufes erinnere ich mich nicht mehr, wahrscheinlich wollte ich mit ihr ins Kino gehen.

„Hallo, hier ist Heiko ... äh Sarah ... äh ...“, stammelte ich.

„Wer auch immer von euch beiden grade spricht“, antwortete sie amüsiert. „Schön, dass du anrufst. Worum geht’s?“

Heute habe ich natürlich keine Probleme mehr meinen Vornamen zu nennen. Manchmal streift mein alter Vorname mich wie Windhauch.

Während der ersten Jahre als Frau strengte ich mich an, wenn ich von mir in einer bestimmten Rolle sprach, immer die weibliche Form zu benutzen. Ich sprach von mir als Leserin, Theaterbesucherin, Spaziergängerin, Radfahrerin. In solchen Situationen musste ich mich anfangs konzentrieren, um jedes mal die Endung „-in“ an die Rollenbezeichnung anzuhängen. Einmal sprach ich mit einer Freundin darüber, sie sagte, dass ihr schon aufgefallen wäre, dass ich immer die weiblich Form für mich benutze. Sie würde das für sich nur selten machen, das sei ihr zu umständlich

Ich hatte an dieser Stelle schon einmal darüber geschrieben, was für ein sonderbares Gefühl es ist, wenn ich Fotos von mir als Junge oder Mann sehe. Als ich mich zu dem Wechsel entschloss, rechnete ich damit, dass es nicht immer leicht oder angenehm sein würde, meine männliche Rolle und die Spuren, die sie in meiner Vergangenheit hinterlassen hat, mit meinem jetzigen Leben in Einklang zu bringen, um so mehr staune ich über die Beobachtungen, die ich an mir in den letzten Woche machte.

Manchmal stelle ich mir vor, wie ich anderen von meiner Kindheit und Schulzeit erzähle. Es sind banale Gespräche, die ich mir ausmale, es geht in ihnen um normale Erfahrungen und Eindrücke, wie sie jeder macht. Wenn ich solche Gedanken formuliere, beginne ich die Sätze immer öfter mit „Als ich ein kleines Mädchen war...“ oder „Als Schülerin ...“, aber ich war nie ein kleines Mädchen oder eine Schülerin. Obwohl sie keine realen Erinnerungen spiegeln, kommen mir die Formulierungen zwanglos in den Sinn. Ich muss mich dafür nicht konzentrieren. Vielmehr kommen mir die entsprechenden männlichen Formulierungen unpassend vor. Ich hatte bisher immer angenommen, dass sich mein Frau-sein von dem Zeitpunkt an, seitdem ich als Frau lebte oder seitdem ich eine Frau bin, nur in meine Zukunft auswirkt, meine Vergangenheit oder meine Erinnerung aber nicht ändert.

Eine Lampe wirft in der Dunkelheit einen runden Lichtkegel um sich. Ich beginne zu ahnen, dass mein Wechsel eine Lampe ist, die ich einschaltete, um mit ihr nach vorn zu gehen, deren Licht und Wärme aber nun auch den Weg hinter mir bestrahlt.

Von meinem Boot aus schmeiße ich Steine in den See. Die Wellen breiten sich in alle Richtungen aus. Wenn ich mich umblickte, sehe ich, wie die Wellen an die fernen Ufer meiner Kindheit schwappen. Aus der verschwommenen Ferne winkte mir ein Mädchen mit langen geflochtenen Zöpfen zu.

28
Okt
2007

Schreiben

Vom Schreiben leben?
Vom Leben schreiben!

22
Sep
2007

die letzte Sommernacht

Dies ist die offiziel letzte Sommernacht. Laut dem Internetwetter beginnt morgen um 11:51 der Herbst. Morgen soll es noch einmal warm werden. Vielleicht gönnt uns der Herbst eine erste laue Herbstnacht. Der Sommer war ja dieses Jahr eher schlecht gelaunt. Ich sitze auf der Terrasse in meinem Garten. Mir ist kalt (ein vertrautes Gefühl in diesem Sommer). Der Bildschirm meines Laptop beleuchtet seine Tastatur. Die Beschriftung der Tasten kann ich nicht erkennen, zum Glück kann ich blind maschineschreiben (wird das jetzt eigentlich getrennt, auseinander oder wie auch immer geschrieben) - ich lausche in die Nacht hinein, in diese letzte Sommernacht. Hinter den Häuser rattert ein Zug. Ich wohne noch nicht lange genug hier, habe noch nicht lang genug in die Nacht gelauscht, um sagen zu können, ob der Zug in Aachen einfährt oder Richtung Brüssel, Paris unterwegs ist. Ein Martinshorn erklingt. Irgendwo lacht eine Frau, jemand hustet. Dann ist da noch der Atem der Stadt, dieses unterschwellig Raunen, das von nirgendwo zu kommen scheint, in dem sich der Lärm der Autos mit der anderen Geräuschen vermengt. Die Vögel schlafen. Oder sind sie schon nach Afrika gezogen? Etwas flattert in einem Busch am Rand meines Gartens. Die Nachbarn sind noch einmal in den Garten gegangen. Ich kann sie nur hören nicht sehen, weil eine zwei Meter hohe Mauer die Grenze zwischen ihrem und meinem Garten bildet. Ich schaue nach oben - und verfluche die Stadt, die mit ihrem Licht den Nachthimmel verpestet. Ich wünsche mir einen Stromausfall, damit es dunkel genug wird, um die Stern zu beobachten. Über mir steht Cassopeia, das Himmels-W, zumindest glaube ich das, es würde zu Jahreszeit passen. Heute in der Mayerschen hatte ich das Himmelsjahr 2008 in der Hand. Früher kaufte ich mir das öfter. Diese Woche überlegte ich sogar mal wieder mir ein Teleskop zu kaufen, aber erstens bin ich noch immer pleite und zweitens hätte ich aus meinem Garten bei dem ganzen Lichtschmutz nur miese Beobachtungsbedingungen. Wie lange werde ich jetzt noch hier sitzen. Die Flasche Bionade (Ingwer-Orange) habe ich schon leer getrunken. Ich habe noch einmal zum Himmel geschaut. Nun glaube ich, dass über mir der Schwan seine Schwingen ausbreitet, mein Lieblingssternbild. Wenn man es mit dem Fernglas beobachtet sieht mit die Sterne der Milchstraße, Myriaden von Lichtpunkten, die man mit bloßem Augen nur als hellen Schleier wahrnimmt, wenn es dunkel genug ist. Irgendwann mache ich mal eine Reise in die Sahara, weil die Nacht dort so finster ist, dass man die Milchstraße sehen kann. Wieder quatschen die Nachbar in die Stille hinein. Wenn ich nicht so schwerhörig wäre, könnte ich sie belauschen. Es scheint ein politisches Gespräch. Ich höre die Worte "was wenn die Amerikaner ... nicht in Kroation ... Italien ist kein ... Staat ... die Italiener ... wenn Jugoslawien nicht gefallen wäre ... " Es sind Männer, die sich da unterhalten, im Hintergrund krakelt ein Kind. Die letzte Sommernacht. In irgendeinem Gedicht heißt es: Wer jetzt allein ist, wird es lange bleibe. Ich kenne das Zitat, aber nicht das Gedicht, wahrscheinlich eine Bildungslücke. Jetzt ist es plötzlich wieder still, als hätte jemand das Fernsehen ausgeschaltet, wahrscheinlich sind sie nur reingegangen und haben das Fenster geschlossen. Mir ist kalt. Der Friseur, der über mir wohnt ist nicht zu Hause, in seiner Wohnung ist es dunkel. Wahrscheinlich kommt er gegen 23 Uhr heim und dreht dann die Musik so laut, dass ich sie in meinem Bett hören kann. Wieder fährt ein Martinshorn durch die Straße, das dritte seitdem ich hier sitze und friere. In den oberen Wohnungen meines Mietshauses brennt Licht. Da sind sie, lesen einen Liebensroman, schauen die Berichte vom heutigen Bundesligaspieltag, höreb eine Symphonie von Sibelius (der starb an einen Tag dieser Woche vor fünfzig Jahren) oder sie haben Sex miteinander, hoffentlich guten. Ob auch sie wissen, dass dies die letzte Sommernacht ist? Meine Katzen streunen noch durch die Nachbargärten. Habe ich schon erwähnt, dass ich in Strümpfen hier sitze. Langsam kriege ich kalte Füße.

1
Aug
2007

Nicht genug Geld? Geduld!

Heute hörte ich im Radio auf WDR5 eine Reportage über die Situation des Strafvollzug für Jugendliche in England. Dass ich jetzt darüber schreibe, liegt nicht daran, dass mich die Missstände empören. Ich will nicht schreiben über die Zellen in den Jugendgefängnisse, die hoffnungslos überbelegt sind, nicht über die brutalen Zustände hinter den Gefängnismauer, die Neuankömmlinge dazu zwingen sich von der ersten Sekunde an Respekt zu verschaffen, weil sie ansonsten fertig gemacht werden, nicht über die Wärter, die sich nachts Häftlinge aus den Zellen holen, weil sie sich für Beleidigungen rächen wollen oder einfach nur schlechte Laune haben, nicht über den 16jährigen Asiaten, der mit einem mit weißen Jugendlichen in eine Zelle gesperrt war, der für seinen Rassismus bekannt war und seinen Zellgenossen wenige Stunden vor dessen Entlassung tot geschlagen hat, nicht über den hohen Anteil der jugendlichen Straftäter, die schwerste psychische Störungen haben und eigentlich behandelt denn eingesperrt gehören, darüber will ich nicht schreiben. Ich will darüber schreiben, welches Wort mir zu dem letzten Satz dieser Reportage einfiel. Den letzten Satz sprach eine englische Sozialarbeiterin: "Man könnte so viel machen, aber es ist nicht genug Geld da." Das erste Wort, was mir zu diesem Satz durch den Kopf schoss war: Tsunami.

Der Bargeld-Tsunami lautete vor kurzem der Titel eines Artikels in der ZEIT. In diesem Artikel wird beschrieben und analysiert, dass Welt in Geld schwimmt: Niemals zuvor in der Weltgeschichte wurde so viel Kapital um die Welt geschickt wie gegenwärtig. Auch darüber möchte ich nicht schreiben, denn das können die Autoren der ZEIT viel besser als ich. Wen es interessiert, der möge den Artikel lesen.

Ich schreibe diesen Beitrag, um die englische Sozialarbeiterin und alle anderen, die nicht genug Geld für humanitäre oder ökologische Projekte haben, zu trösten: Habt ein paar Jahre Geduld! Der Bargeld-Tsunami rollt über die Ozeane heran. Hört ihn rauschen! Seht seine riesigen Wogen! Er wird alles fortspülen.

4
Jun
2007

oberflächlich, arrogant, spießig

Je länger ich über meinen Beitrag von gestern zu den Ausschreitungen in Rostock nachdenke, desto klarer wird, dass es stimmt: Ich war oberflächlich, arrogant, spießig.

Ich war oberflächlich, weil ich versuchte meinen Tagesablauf vom Samstag einzuflechten: Dass ich am Vormittag zur Epilation nach Köln fuhr und abends, nachdem ich gegessen hatte, noch eine Weile in meinem Garten sass - schon erstaunlich wie friedlich es in einem Hinterhofgarten sein kann, während ein paar hundert Kilometer entfernt, Chaoten eine Stadt zertrümmern - dass ich am Samstagabend meine Empörung darüber niederschrieb, wie Christopher Paolini im zweiten Teil seiner Drachensaga Eragons Probleme löst, dass ich zutiefst erschrak, als ich Sonntagmittag endlich ins Netz schaute, fassungslos die Schlagzeile auf Spiegel-Online anstarrte, nicht begreifen oder erklären konnte, wie so etwas passieren konnte. Ich war oberflächlich, weil ich nicht das unverhältnismäßige Vorgehen der Sicherheitsbehörden in den Wochen vor der Demo berücksichtigte, weil ich nicht die Notwendigkeit von Demonstrationen und Aktionen zum G8-Gipfel würdigte, weil ich nicht das Märchen von der bösen Polizei erzählte, die die armen Autonomen zu Gewalt provozierte. Ich war und bin oberflächlich, weil ich solche Gewaltausbrüche nicht rechtfertigen kann.

Ich war arrogant, weil ich über die Autonomen lästerte, weil ich bei der Suche nach Gründen, weshalb sie Schaufensterscheiben einschlugen und Autos in Brand setzten, nicht ihre hehren Ziele berücksichtigte, sondern mir ihre psychologischen Gründe zusammen reimte, die tiefer liegen und die diese Chaoten verdrängen. Ich war arrogant, weil ich nicht bedachte, wie sorgfältig Attac und die anderen Organisationen der Gutmenschen die Demo und die übrigen Kundgebungen vorbereiteten, so gut dass einige der Autonmon in den Zeltlagern der friedlichen Demonstranten übernachten (wurde heute morgen im Radio berichtet). Wie kann ich nur so arrogant sein und nicht einsehen, dass diese Chaoten, nachdem sie sich endlich mal wieder so richtig austoben konnten, sich ihren Schlaf verdient hatten. Wer denkt denn jetzt noch an das eigentliche Problem: Die Welt gerechter zu machen? Alles spricht darüber, wer den ersten Stein geworfen hat und ob die horrenden Sicherheitsvorkehrungen im nachhinein nicht gerechtfertigt sind. Ich war arrogant, weil ich über die Gewalt der Autonomen schrieb und ihnen damit eine Bedeutung einräumte, die sie nicht verdient haben. Ich war und bin arrogant, weil ich weder in meinem gestrigen Beitrag noch heute der wahren Opfer dieser Ausschreitungen gedachte: den Kindern, die in Afrika verhungern, den Menschen, die in Bangladesch absaufen, den Millionen, die in den Slums der dritten Welt von einem Leben, wie ich es führe, nicht einmal zu träumen wagen.

Ich war spießig, weil ich beim Anblick des brennenden Autowracks, vor dem einer der Autonomen posierte, an mein eigenes Auto dachte, das vor dem Haus am Straßenrand steht. Ich war spießig, weil ich mir vorzustellen versuchte, wie ich mich fühlen würde, wenn ein Chaot aus reiner Lust an Krawall meine kleine Micra demoliert. Ich war spießig, weil ich mich in den Besitzer des ausgebrannten Wagens hineinversetzte: Wie wird er sich fühlen? Wie soll er oder sie zur Arbeit kommen oder die Kinder zur Schule oder zum Sport bringen? Ich war spießig, weil ich mich fragte, ob die Versicherung den Schaden ersetzt oder der Besitzer selbst das Geld für einen neuen Wagen zusammen kratzen muss. Ich war spießig, weil ich an die Inhaber der Geschäfte dachte, deren Schaufenster zertrümmert sind und die nun ihre Läden renovieren dürfen. Ob sie das Geld dafür haben? So toll ist ja die Situation des Einzelhandels nicht, erst recht nicht im Osten. Ich war spießig, weil ich, nachdem ich meinen Beitrag geschrieben hatte, wieder in meinen Garten ging, mich am schönen Wetter erfreute und die wuchernden Hecke stutze, während hinter den Häuserfronten, weit weg von meinem kleinen Glück, die Welt dröhnte.

Es stimmt: Ich war und bin oberflächlich, arrogant, spießig.

3
Jun
2007

Autonome

Eigentlich wollte ich jetzt einen Beitrag über "Eragon - Der Auftrag des Ältesten", den ich gestern Nacht begonnen hatte, beenden. Aber wen wird meine Meinung dazu interessieren angesichts der Straßenschlachten, die sich Autonome gestern mit der Polizei in Rostock lieferten. Ich hatte die Fortsetzung meines Beitrages schon im Kopf und wollte nur mal auf der Spiegel-Seite und bei n-tv nach sehen, was so in der Welt passiert ist, weil ich heute noch kein Radio gehört habe.

Dann diese Schlagzeile "Fast tausend Verletzte, Dutzende Festnahmen" und darunter das Foto eines jungen Mannes, Anfang 20, in schwarz gekleidet, dunkle Sonnenbrille, unter seiner Maskierung lodert sein orange gefärbtes Haar wie die Flammen auf dem Autowrack hinter, das er und seine Kumpanen anzündeten. Ob er stolz auf seine Leistung ist? Er droht mit der Faust in Richtung des Fotografen. Auf einem Bild der Fotostrecke zu dem Artikel streckt ein Typ, der sich von dem Kerl auf dem Titelfoto des Artikel nur durch eine dunkelrote Jacke unterscheidet, die Arme triumphierend nach oben, während im Hintergrund Stühle und Tische eines Straßencafes brennen. Ist auch er stolz auf seine Leistung?

Was war das gestern für eine schöner Tag sicher nicht nur hier in Aachen sondern auch in Rostock. Ich habe in meinen Garten gefrühstückt, bevor ich nach Köln fuhr. Als ich am späten Nachmittag in meinen Wagen stieg, um zurück nach Aachen zu fahren, war es im Innern so warm, dass ich fast schwitzte. Man hätte den ganzen Nachmittag in einem Straßencafe sitzen können, vielleicht in Rostock, und die friedlich vorüberziehenden Demonstranten beobachten könne. Zu diesem Zeitpunkt tobte in Rostock allerdings wahrscheinlich schon der Straßenkampf. Beim Frühstück hatte ich Interviews mit jungen Leuten gehört, die von Köln aus in der Nacht von Freitag auf Samstag mit einem Sonderzug nach Rostok fuhren, um sich an den Aktionen rund um den G8-Gipfel zu beteiligen. Sie zählten auf, was sie alles im Gepäck hätten: Kartenspielen, Jonglierbällen, Trillerpfeifen, Gitarren und was man noch so braucht für gute Laune und Stimmung zwischen den Demonstration und abends im Schlafsack. Ich musste schmunzeln und war auch ein bisschen schockiert: Es hörte sich als die Leute in Zeltlager fuhren.

Aus einem n-tv Video weiß ich, dass einige Autonome mit einem Sonderzug aus Hamburg anreisten. Was hatten sie im Rucksack? Klamotten zum Vermummen, Mundschütze, Steine, Wut, Gewalt und wahrscheinlich jede Menge Alkohol und Haschisch, schließlich muss man sich erst mal Mut ansaufenn, bevor man in die Schlacht zieht, man kann ja nicht ungedopt kämpfen. Soweit meine Klischeevorstellungen. Ich kenne keine Autonomen. Weshalb mir die Motive für solche Randalierer absolut schleierhaft sind. Bei einem bin ich mir aber sicher: politische Motive spielen keine Rolle. Politische Motive mögen vorgeschoben sein, aber der eigentliche Grund für die Gewalt ist: Die Lust an der Gewalt, der Rausch, den Gewalt in einem auslöst, das Gefühl mächtig zu sein, die Möglichkeit sich selbst und die eigene Wirkung auf die Umwelt endlich spüren, unmittelbar und hart den Schutzwall, den man mit Alkohol und Hasch um sich aufgeschichtet hat, durchbrechen, Zynismus und Abgestumpftheit niederreißen, um an der Welt da draußen teilzuhabne. Soviel zu meinem Klischee von Autonomen. Ich kenne keine Autonomen.

Ich bin wütend auf diese dämlichen, dummen Autonomen. Denn was haben sie mit ihrer Aktion erreicht? Dass die Polizei mit ihren überzogenen Sicherheitsvorkehrungen Recht hatte. Danke! Ihr Autonme! Das habt ihr super hingekriegt, eine echt intelligente Aktion war das!

25
Mai
2007

Doping

Nun outen sie sich alle reihenweise: Gestern Erik Zabel und Rolf Aldag, heute Bjarne Riis. Ein Radsportprofi nach dem anderen gibt zu mit unerlaubten Mittel gedopt zu haben. Der Aufschrei in der Öffentlichkeit ist groß. Alle fordern vollkommene Aufklärung, Bestraffung der Deliquenten und schärfere Überwachung der Sportler.

Als höchstens mäßg sportbegeisterte Bürgerin reibe ich mir verwundert die Augen. In was für einem Land leben wir eigentlich? All jene, die sich jetzt so über Doping im Leistungssport aufregen, sind das nicht auch genau diejenigen, die Sportler Versagen vorwerfen, wenn diese nicht als erste durchs Ziel fahren oder ganz oben auf dem Siegerpodest stehen? Die jetzt von Moral und Anstand im Sport reden, sind das nicht auch diejenigen, die nörgeln, wenn die Medaillienausbeute nach internationalen Meisterschaften oder olympischen Spielen nicht so hoch ist, wie sie es sich erhofften? Haben die wirklich geglaubt, dass Hochleistungssport, wie er seit Jahren von Reportern, Zuschauer und Funktionären bejubelt wird, ohne Doping möglich ist? Hat tatsächlich jemand geglaubt, dass Sportler dem Druck widerstehen können, der von der Öffentlichkeit und den Sponsoren auf sie ausgeübt wird, und nicht dopen?

Dass Doping seit Jahren im Radsport ein so weit verbreitetes Phänomen ist, liegt an den geradezu übermenschlichen Leistungen, die den Fahrern abverlangt werden. Man muss sich einmal vorstellen, wie z.B. die Tour de France abläuft. Vor einigen Jahren berichtete in der ZEIT ein Reporter von seinen Erfahrungen, als er versuchte eine der schweren Pyrenäen-Etappen. Es war eine einzige Qual für ihn, obwohl er die niedrigsten Übersetzungen wählte. Die Profis kurbeln sich mit viel höheren Übersetzungen die Steigungen hoch. Die Profis fahren an einem Tag eine Etappe, die bis zu 200km lang ist, quälen sich auf ihren hochgezüchteten Drahteseln die unglaublichsten Steigungen hoch. Wenn sie im Ziel ankommen, sind sie fertig, aber dann schlafen sie ein paar Stunden, und am nächsten Tag fahren sie die nächste Etappe. Was die Fahrer leisten ist unglaublich und sie verdienen dafür Respekt, egal, ob sie gedopt sind oder nicht. Ein Arbeitskollege, der selbst Radsportler ist, meinte zu der Leistung der Profis: "Das ist Radfahren von einem anderen Stern"

In einem Artikel auf der N-TV Seite las ich diesen Satz eines Anwaltes von Jan Ullrich: "Sie müssen begreifen, dass man über die Pyrenäen nicht mit 40 km/h fahren kann als Radfahrer, sie müssen begreifen, dass man 250 Kilo ohne Stimulanzen nicht hochheben kann."

Dies ist wahrscheinlich der einzige aufrichtige, nüchterne Satz, der in den letzten Wochen zum Thema Doping geschrieben wurde. Die einfache Erkenntnis lautet: Hochleistungssport ohne Doping gibt es nicht. Die Frage, die daraus folgt ist: Was ist eigentlich so schlimm an Doping? Wenn Doping Sportler zu den Leistungen befähigt, die wir alle von ihnen erwarten: Was spricht dann gegen Doping? Die einfache Antwort auf diese Frage ist: Nichts!

Die einzige ehrliche Art mit Doping umzugehen wäre, es uneingeschränkt zu erlauben. Jedem Sportler sollte es frei gestellt sein, welche Mittel und wie viel er davon nimmt. Wenn er wirklich nach Gold greifen will, muss er eben den Preis zahlen, eventuell seinen Körper zu ruinieren.

Und wir Zuschauer, welchen Preis hätten wir zu zahlen? Wir müssten mit dem schlechten Gewissen leben, einen Sport zu bejubeln, der nicht so rein und edel ist, wie wir ihn wünschen. Das ist der Preis, wenn gelten soll: "Höher! Schneller! Weiter!"

23
Feb
2007

Erinnerung

Nichts ist so kostbar wie eine Erinnerung an etwas, das man für immer verloren hat.

12
Jan
2007

Stille

In meiner neuen Wohnung beginne ich etwas zu schätzen lernen, dem ich mich in meiner alten Wohnung nur sonntags beim Frühstück aussetzte, nämlich der Stille. Wenn ich in meiner alten Wohnung morgends aufstand und mein Frühstück bereitete, schaltete ich zuerst das Radio meiner Stereoanlage ein. In meiner alten Wohnung ging das, weil Küche, Ess- und Wohnzimmer ein Raum waren, in dem eben auch meine Anlage stand. An Werktage hörte ich meistens das Morgenecho auf WDR5 oder die "Informationen am Morgen" des Deutschlandfunk. Samstags frühstücke ich meisten erst gegen 9 Uhr, dann sind die morgendlichen Nachrichtenmagazine im Radio schon vorbei; und ich hörte stattdessen im Deutschlandfunk das Wochenendjournal und "Classic-Pop-et cetera". An Sonntagen aber blieb in meiner alten Wohnung das Radio aus, weil zu den Zeit, zu denen ich sonntags frühstücke, auf WDR5 und im Deutschlandfunk Gottesdienste übertragen werden, die ich beim Frühstück nun wirklich nicht brauche. Manchmal schaute ich "Kopfball" in der ARD oder eine Reportage in WDR3 und natürlich um 11:30 die "Sendung mit der Maus".

In meiner neuen Wohnung geht das alles nicht. In meinem jetzigen Esszimmer habe ich noch kein Radio und auch kein Fernseher, weil der im anderen Zimmer steht (dort aber auch noch nicht angeschlossen ist). Im Wohnzimmer steht jetzt auch meine Anlage, die zwar schon an die Antennenbuchsen angeschlossen ist, aber der Radioempfang ist eher bescheiden. Während der ersten Wochen hörte ich morgends oft Radio über mein Handy, aber die Knöpfe im Ohr sind auf die Dauer etwas unbequem. Deshalb passiert es jetzt immer öfter, dass ich mich zwar von meinem Radiowecker aus dem Schlaf reißen lasse aber beim Frühstück dann nichts höre. Es ist dann einfach nur still in meiner Wohnung. Ich mach eine irritierende Beobachtung: Je öfter ich diese Stille zulasse desto angenehmer wird sie. Ich habe die Stille auch früher schon in meiner alten Wohnung genossen, aber nur sonntags, während ich beim Kaffee die ZEIT las. Die Stille in meiner alten Wohnung ist auch anders als die Stille in meiner neuen Wohnung. Meine lag Wohnung lag im Erdgeschoss zur Straße raus, Passanten gingen vorbei, schauten herein, Autos fuhren vorüber. Meine neue Wohnung liegt zwar auch im Erdgeschoss aber nicht zur Straße sondern nach hinten. Von Straßenlärm kriege ich jetzt nichts mehr mit.

Ich sitze jetzt oft morgends beim Frühstück und lausche der Stille, manchmal habe ich noch nicht einmal das Bedürfnis nebebei etwas zu lesen, um die Stille nicht durch Worte in meinem Kopf zu stören. Jede Stille ist anders, jeden Morgen ist die Stille anders. Jemand geht durchs Treppenhaus zur Arbeit, im Garten zwitschern Vögel, der Wind rauscht durch die Bäume oder drückt gegen die Scheiben, Regen prasselt gegen die Fenstern, eine meiner Katzen liegt schnurrt auf meinem Schoss oder frisst schmatzend oder reibt ihr Köpfen an einem Stuhlbein. Selbst eine Wand, ein Fussboden, eine Spüle, ein Kühlschrank machen Geräusche. Die Stille kann so laut sein, dass einem die Ohren aufgehen, sie kann dann auch bedrückend sein, weil sie einem deutlich macht, dass man allein oder einsam ist, je nach der Stimmung, in der man sich befindet.

Manchmal frage ich mich, was die Leute früher gemacht haben, als es noch keine Radios oder ähnliche Lärm ausspuckende Geräte gab. Ob deren Verhältnis zur Stille natürlicher war als unseres, die wir doch im bestrebt sind die Stille zu vertreiben.
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Sarahs Schreiballerei

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