Liebe Leserin, lieber Leser

ich grabe in meinem Bergwerk nach Texten und finde: Nuggets, Kristalle, Edelsteine und viel zu oft Katzengold. An den Fundstücken klebt Schlamm. Sie müssen gewaschen und poliert werden. Das alles mache ich hier nicht.

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Persönliches

21
Sep
2009

Was macht Dich glücklich?

Auf dieses Thema bin ich in den Blogs von Wally und MaMü gestoßen. Sie hatten da wieder eines von diesen Blog-Stöckchen rumliegen. Zumindest Wally hat wahrscheinlich gehoft, dass ich drüber stolpere und es für sie wegräume. Warum muss eigentlich immer ich das Internet aufräumen? Nehmt Euch ein Beispiel an meinem Blog: Da liegt nichts rum, nur alle paar Monate ein Text - ja, ja, schon gut, ich lass hier zu selten ein Zettelchen fallen, ich weiß. Die ersten dieser Bloggerstöckchen reizten mich zum Schreiben. Dann stieß mein Fuß gegen einige, die ich langweilig fand, und nun finde ich die meisten eher nervig.

Ich will deshalb jetzt auch gar nicht auf dieses Nenne-10-Dinge-die-dich-glücklich-machen Stöckchen antworten. Ich denke über diese Frage nach: Was macht Dich glücklich? Je länger ich die Wörter in meinem Kopf kreisen lasse desto trauriger kommen sie mir vor.

Nehmen wir zuerst das Verb “machen”. In der Frage bedeutet es “einen Zustand herbeiführen, den es vorher nicht gab”. Glücklich ist man also nicht einfach so sondern nur als Folge von etwas anderem. Das Subjekt der Frage ist “Was” nicht “ich”. Aber es geht doch um mich. Also mache ich nicht glücklich, zumindest nicht mich, vielleicht jemand anders, aber nicht mich, das kann nur: Was? “Glücklich sein” wäre damit etwas erlittenes, das einem widerfährt, ob man will oder nicht: Ein schwerer Unfall in der Kindheit, bei dem man fast gestorben wäre? Isolation in der Pubertät, weil man sich zurück zieht und an sich zweifelt? Ungünstige Charaktereigenschaft, für die man getadelt wird die man aber auch nicht einfach ablegen kann? Ein falsches Geschlecht, weil man von einem anderen träumt?

Und wenn “was” nicht mehr da ist? Wenn es vorüber, aufgebraucht oder gegangen ist? Wenn das Schokoladeneis geschmolzen ist? Wenn im Kino der Abspann des besten Filmes aller Zeit läuft? Wenn die Musiker nach einem Konzert die Bühne verlassen? Wenn man ein gutes Buch zuschlägt? Wenn man sich von der besten Freundin nach einem tiefen Gespräch verabschiedet? Wenn man Freunde nach einem gemütlichen Abend zur Tür geleitet? Wenn der Geliebte morgends aus dem Bett steigt? Wenn sein Geruch verdunstet ist? Wenn man abends wieder nach sich selbst stinkt? Wenn er eine andere liebt? Wenn jemand die Katzen vergiftet? Wenn die Schwester stirbt?

Am meisten irritiert mich an dieser Frage, dass sie eine beschränkte Dauer unterstellt. Nach dem “was” fällt man zurück in einen anderen Zustand: Unglück oder Alltagsbrei. Ich weiß, dass sehr viele, wahrscheinlich die meisten Menschen, sehr unglücklich sind, weil ihnen etwas Wichtiges fehlt: Wasser. Nahrung. Heimat. Freunde. Geld. Arbeit.

Ich bin glücklich. Ich weiß nicht warum. Wie viele Jahre habe ich noch? In zweieinhalb Jahren ist mein Geld aufgebraucht und mein Arbeitsvertrag endet. Wenn ich keinen Job finde, werde ich als Hartz-IV-Empfängerin glücklich sein? Wenn kein Verlag meinen Roman drucken will, werde ich als gescheiterte Autorin glücklich sein? Selbst wenn das alles positiv verläuft, wird sich eines negativ entwickeln: Meine Behinderung. Ich werde Schmerzen haben. Ich werde künstliche Knie- und Hüftgelenke benötigen. Werde ich dann noch glücklich sein? Wird mir die Erinnerung an mein jetziges Glück reichen?

Zum Glück weiß ich das alles nicht. Wahrscheinlich macht mich gerade das glücklich.

14
Feb
2009

Mein iPhone und ich

Okay, ich gebe zu mein letzter Beitrag war nicht so toll. Es ging mir auch gar nicht darum etwas Interessantes zu schreiben. Als es so heftig schneite kam mir die Idee, dass ich ausprobieren könnte, ob es wirklich funktionert, mit meinem iPhone einen Beitrag mit Foto in meinem Weblog zu veröffentlichen. Deshalb habe ich ein paar Fotos von dem Schneeschauer gemacht und eines ausgewählt, dass am wenigstens verwackelt und einigermaßen scharf war. Gar nicht so einfach mit der Kamera des iPhone unter den ungünstigen Witterungsbedingungen ein Foto zu machen. Selbst ein iPhone ist es also nicht perfekt.

Ich lebe seit zwei Wochen mit meinem iPhone. So muss ich das wohl nennen. Ich besitze es nicht nur, ich telefoniere nicht nur damit. Ich habe es fast immer griffbereit. Wenn ich die Wohnung verlasse, trage ich es in meiner Handtasche mit mir herum. Auf der Arbeit liegt es direkt neben der Tastatur, damit ich neue Emails sofort lesen kann. Zum Glück kriege ich nur ein paar Nachrichten pro Tag. Beim Frühstück lese ich damit manchmal Spiegel-Online oder die Tageszeitung. Ich nehme es sogar mit ins Bett, um noch schnell eine Partie Go auf IGS zu spielen, Goprobleme zu lösen oder eine Profipartien nachzuspielen.

In diesen ersten zwei Wochen hat das iPhone mein Verhältnis zu zwei Dinge schon verändert, nämlich zu Musik und zum Internet.

Auf meinem iPhone habe ich zur Zeit ungefähr 12 Gigabyte an Musik. Ich trage also ständig fast meine gesamte Lieblingsmusik mit mir herum. Wenn ich zur Arbeit fahre, schließe ich das iPhone an mein Autoradio an und wähle Musik aus, die ich unterwegs hören möchte, weshalb ich nun etwas länger brauche, bis ich los fahre. Vor dem iPhone hatte ich nur einen iPod mit einer Kapazität von 2 Gigabyte. Damit hörte ich überwiegend Hörbücher im Fitness-Studio oder während längerer Autofahrten. Ich trug den iPod auch nicht ständig mit mir herum. Aber mein iPhone habe ich immer dabei, eben weil es mein Mobiltelefon ist, somit habe ich auch immer meine Lieblingsmusik dabei. Für mich ist das eine neue Erfahrung, ich bin gespannt, wie sich meine Einstellung zu meiner Lieblingsmusik verändert.

Bisher war das Internet etwas Sperriges. Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und irgendeine Webseite aufrufe, erfordert das einen normen technischen Aufwand, daran sind beteiligt: ungefähr fünf Meter Telefonkabel, ein WLAN-Router, ein MacBook, ein Bildschirm, eine externe Tastatur und eine Maus. All diese Geräte sind in meinem iPhone vereint, so dass das Internet nicht mehr durch die aufgezählten technischen Hilfsmittel repräsentiert wird sondern nur noch durch ein einziges Gerät, das kleiner ist als meine Hand. Das gesamte Internet schrumpft auf die Größe einer Handfläche. Ich kann das Internet in eine Hosentasche stecken, vorm Einschlafen im Bett Spiegel-Online oder die ZEIT lesen. Nicht, dass ich das jeden Abend mache, aber ich könnte es machen, ich könnte mich auch daran gewöhnen. Und dabei habe ich die Möglichkeiten des iPhone noch nicht einmal ausgereizt. Ich habe noch keines dieser Programme installiert, die mit Hilfe des GPS-Empfänger des iPhone meine Position bestimmen und mir unterwegs mitteilen, an welchen Sehnswürdigkeiten ich gerade vorbei gehe und was die Wikipedia darüber weiß, wo sich das nächste Sushi-Restaurant befindet und in welchen Geschäften ich meine Einkäufe erledigen könnte.

Ich wollte das iPhone nicht haben, weil ich das Internet mit mir herum tragen wollte. Als ich damals das Video von der ersten Präsentation des iPhone sah, hing ich mit glänzenden Augen am Bildschirm: Die ideale Kombination aus Mp3-Player und Mobiltelefon, durchdachtes Konzept, intuitive Bedienung, elegantes Design. Ich wollte es haben, von Anfang. Es war cool. Und ich gestehe, dass ich es zum Teil auch haben wollte, um selbst cool zu sein. Vielleicht bin ich im tiefsten Innern doch ein Nerd. Aber eines muss den Leuten, die das iPhone entwofen haben, zugestehen: Sie wollten seine Benutzung so angenehm und intuitiv wie nur möglich machen. Es ist ihnen gelungen.

Ich habe lange überlegt, ob ich mir das iPhone anschaffen soll. Wenn sich nicht bestimmte Umstände ergeben hätten, hätte ich es mir sicher nicht gekauft, weil es mir zu teuer gewesen wäre. Als ich den T-Punkt verließ, war ich erleichtert meinem Kaufdrang nachgegeben zu haben. Ich rechnete eher damit, das sich bald eine Ernüchterung einstellte. Aber das Gegenteil passierte. Meine Begeisterung wuchs.

Nun habe ich also das Internet in meiner Hosentasche. Und irgendwann wird jeder wissen, was ich gerade denke oder fühle, wo ich mich aufhalte, was ich gerne esse und welche Musik ich mag.

Schöne neue Welt!

5
Sep
2008

Indiskretes Stöckchen

“Was hast du hier nur für eine Unordnung, Sarah?”

Martha schiebt einen Stapel ungelesener Bücher von meinem Schreibtisch. Sie nimmt das oberste Exemplar, wischt die zentimeterdicke Staubschicht von vom Einband.

“Sieben Sekunden”, während sie den Titel liest, runzelt sie die Stirn. “Du liest Don DeLilllo freiwillig?”

“Wenn ich irgendwann genug Zeit dazu, werde ich es freiwillig” Ich nehme ihr das Buch aus der Hand, lege es wieder zu oberst auf den Stapel, schiebe die Bücher zu recht, damit der Turm nicht umfällt. “Was willst du, Martha?”

Ich mag es nicht, wenn sie mich unangemeldet besucht, obwohl ich mich eigentlich immer freue, wenn sie vorbei schaut. Ich lade sie lieber ein.

“Das hier lag vor deinem Weblog”, sie reicht mir ein Stöckchen.

Nein, nicht schon wieder denke,

“Meinetwegen, legs am besten dort hinten auf den Stapel”, seufze ich.

“Aber da liegen doch schon so viele!” Sie schüttelt amüsiert den Kopf. “Wann willst du die denn endlich beantworten?”

“Weiß nicht!”, murre ich.

“Wie weit bist du denn jetzt mit dem Turm?” Sie lässt sich in einen Sessell fallen.

“Schon gut, sch gut! Verstehe: Falsche Frage”, sagt sie, als sie meinen gequälten Gesichtsausdruck sieht. “Willst du eigentlich gar nicht wissen, von wem das Stöckchen ist.”

“Also gut”, lenke ich ein, weil sie sonst keine Ruhe gibt. “Von wem ist das Stöckchen?”

“Von Wally” Martha lächelt mich triumphierend an. Natürlich weiß sie, dass mich ein schlechtes Gewissen plagt, wenn ich ein Stöckchen von Wally oder Martina nicht beantworte. “Und es gibt wieder Regeln zu beachten. Es scheint ein sehr persönliches Stöckchen zu sein. Man soll eine indiskrete Frage beantworten”

Sie reicht mir den Zettel, der an dem Stöckchen hängt. Die Regeln lauten:

1. Aussuchen, wen man aushorchen möchte.
2. Eine Frage überlegen, was man von dem Jeweiligen schon immer wissen wollte, und ist es auch noch so indiskret - also Vorsicht an die Beworfenen.
3. Holz (mit einem Trackback) sorgsam dort ablegen.
4. … und natürlich die Frage, die man selbst gestellt bekommen hat, mehr oder weniger ausführlich beantworten, wenn man darüber sprechen mag/kann/darf.

Wally fragt: “stell dir vor, du schreibst eifrig an deinem Krimi Die tote Katze ;-) , und urplötzlich wirst du, wie durch ein “Zeittor” in deine eigene Geschichte gebeamt. In welcher `Rolle´würdest du dich am ehesten am Geschehen beteiligen wollen? (Böser, Guter, Mann, Frau, Hauptdarsteller, Nebenrolle oder… Hund, Katze, Maus ;-) )“

Da hat mich Wally aber auf dem ganz falschen Fuß erwischt. Ich will versuchen ihre Frage zu beantworten.

Erst mal vorweg: Ich bin ziemlich beeindruckt, Wally, dass du immer noch an “Die tote Katze” denkst, obwohl ich den Krimi vor fast zwei Jahren begonnen habe und seitdem nicht beendet habe. Dass du mich gerade jetzt danach fragst, ist schon irgendwie seltsam, weil ich nämlich seit ein paar Wochen ein Idee habe, welches Problem in Annas Vergangenheit schlummert: Ein Problem, das sie selbst nicht mehr weiß, weil sie eine Amnesie hat. Wie sie dieses Problem entdeckt und sich mit dem Problem arangiert, könnte das Thema des Krimis werden. Damit würde der Krimi dieses Problem auf eine originelle Art behandeln. Nur leider: “Die tote Katze” ist nicht der Roman, den ich zur Zeit zu schreiben versuche. Der Arbeitstitel meines ersten Romanprojektes lautet “Der Turm von Gwallor”. Es soll ein Fantasieroman werden.

Meine Antwort auf ihre Frage wird Wally deshalb wahrscheinlich enttäuschen. Mir sind im Moment andere Figuren wichtiger, eben die aus meinen Fantasy-Roman. Von der Personen aus “Die tote Katze” habe ich keine klare Vorstellung. Es fällt mir deshalb schwer zu sagen, in wessen Rolle ich schlüpfen möchte. Am ehesten würde ich das Geschehen aus den Augen einer Nebenperson betrachten. Spontan dachte ich an eine Nachbarin des Mordopfer (Hier muss ich ein kurz Geständnis machen: Es gibt von noch ein angefangenes sechstes Kapitel, das ich damals aber nicht hier veröffentlicht habe, in dem die Nachbarin zum ersten Mal auftritt) und an die kettenrauchende Kommissarin Borger, beides wären Nebenfiguren. Auf keinen Fall möchte ich in der Haut einer meiner Protagonisten stecken. Denn ich neige dazu mit denen nicht besonders zimperlich umzugehen. Was die alles durch machen müssen, möchte ich nicht unbedingt erleben. Die ehrliche Antwort auf Wallys Frage ist also: Ich weiß es nicht. Die Personen aus “Die tote Katze” sind mir noch zu fremd als das ich sagen könnte, mit wem ich tauschen möchte. Sie beschäftigen mich zur Zeit nicht wirklich. Die einzige meiner literatischen Figuren, mit der ich sofort die Rollen tauschen würde, ist ...

"Das bin ich!", unterbricht mich Martha.

Sie war so ungewohnt still, dass ich fast vergessen habe, dass sie noch da ist.

"Stimmt Martha, natürlich bist du das", antwortete ich. "Deinen Urlaub an der Algarve würde ich zu gern erleben."

"Und wem willst du jetzt eine indiskrete Frage stellen?"

"Stimmt, diese Regel hätte ich beinah gebrochen."

"Wie gut, dass du mich hast.", grinst Martha.

Ich möchte sie an Martina richten: “Du hast doch einen Hund, der Pepper heißt. Liebe Martina, welchen Einfluss hat Pepper auf deine Gefühle und Stimmungen?”

10
Jul
2008

Wolken

Bisher habe ich hier noch nicht viel über meine Behinderung geschrieben. Ich weiß nicht genau, woran das liegt, wahrscheinlich weil ich mein gesamtes bewusstes Leben gehbehindert war. An die Zeit vor meinem Unfall kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht fällt es mir deshalb so schwer darüber zu schreiben, weil meine Gehbehinderung für mich etwas so gewöhnliches ist, dass mir ihre Besonderheiten gar nicht mehr auffallen. Ich kann mich an Momente erinnern, da fühlte sich die Art wie ich laufe so normal und selbstverständlich an, dass ich selber erschrak, wenn ich mich in einem Spiegel laufen sah. Meine Gedanken waren dann ungefähr die: “Wie? So furchtbar sieht das gerade aus? So fühlt sich das gar nicht an!”

In diesem Zustand bin ich zur Zeit nicht: Nun fühlt es sich so an wie es aussieht. In den letzten Monaten ertappte ich mich dabei, dass ich nicht laufen wollte, damit niemand sieht wie schlecht ich zur Zeit gehe. Ich sass mit Freunden in einer Kneipe und zögerte den Gang zur Toilette so weit hinaus, dass ich mir fast in die Hose machte, nur weil ich unter den Augen der anderen Kneipenbesucher nicht laufen wollte: Weil ich mich schämte so zu laufen wie ich laufe. Diese Gedanken habe ich mir schnell abgewöhnt als mir ihre Tragweite klar wurde. Wenn ich jetzt in einer Kneipe bin und zur Toilette muss, schere ich mich nicht darum, ob die anderen betroffen oder schockiert sind - okay es gelingt mir nicht immer, aber wenigstens verkrieche ich mich nicht. Ich remple Leute an, an denen ich vorüber muss, stütze mich auf Tischen und Stuhllehnen ab, manchmal auch auf fremden Schulter und schwanke irgendwie zur Toilette.

Vor kurzem traf ich mich mit einem Mann, den ich über das Internet kennen gelernt hatte. Sein neunjähriger Sohn hat eine ähnliche Behinderung wie ich, das erzählte er mir während des Treffen. Irgendwann ging ich zur Toilette. Als ich zurück kam, sagte er zu mir:

“Du musst ein ganz großes Selbstbewusstsein!”

Mir hat dieser Satz sehr gut getan. Er erinnerte mich an etwas, dass ich den letzten Monaten zwar nicht vergessen aber nicht so präsent in meinen Gedanken hatte, so als hätte sich vor eine Lichtquelle eine Wolke geschoben. Denn obwohl mich meine Behinderung zur Zeit so stört wie noch nie zuvor in meinem Leben, dass ich sie in manchen Moment am liebsten aus meinem Körper heraus reißen und auf einem Scheiterhaufen verbrennen möchte, wache ich mit einem Lächeln auf und gehe mit einem Lächeln schlafe

31
Jan
2008

Stöckchen Nr. 2

Gerade habe ich auf der Buchstabenwiese ein Stöckchen gefunden. Weil mir das erste Stöckchen-Spiel so gut gefallen hat, kann ich auch dies Mal nicht widerstehen.

1. Greife das Buch, das dir am nächsten ist, schlage Seite 18 auf und zitiere Zeile 4!

Schwierig! Auf meinem Schreibtisch liegen gerade acht Bücher ungefähr gleich weit von mir entfernt. Ich nehme das oberste. Schade, Seite 18 ist leer, dann eben das Buch darunter:

"Tatsächlich war er in einem wohl beispiellosen Grade alles aus sich und alles in einem: Lehrer seiner selbst, Organisator einer Partei und Schöpfer ihrer Ideologie, Taktiker und demagogische Heilsgestalt, Führer, Statsmann und, während eines Jahrzehnts, Bewegungszentrum der Welt."

(Joachim C. Fest: Hitler. Eine Biographie.)

2. Strecke deinen linken Arm so weit wie möglich aus. Was hältst du in der Hand?

Eine Wolldecke, auf der drei Kätzchen abgebildet sind, habe ich vorletztes Jahr zu Weihnachten bekommen.

3. Was hast du als letztes im Fernsehen gesehen?

Den Mitschnitt eines Queen-Konzert, Silvester 2007 bei Freunden, während wir Raclette machten. Ich selbst habe seit einem Jahr keinen Fernseher mehr.

4. Mit Ausnahme des Computers, was kannst du gerade hören?

Das leise Gluckern meiner Heizung, den Wind der draußen durch die Rotbuche im Hinterhof bläst, das Klappen der Katzentür, als eine meiner Katze von ihrem Abendspaziergang heimkommt, den Tinitus in meinen Ohren - sonst ist es still.

5. Wann hast du den letzten Schritt nach Draußen getan?

Vor zwei Stunden, als ich den Müll und gelbe Säcke nach draußen brachte.

6. Was hast du gerade getan, bevor du diesen Fragebogen begonnen hast?

Ich habe eine Mail an einen Freund geschrieben, in der ich mitteilte, dass ich die Karten für das Konzert des Alban Berg Quartett in der Kölner Philharmonie am 2. Mai bestellt habe und dass ich demnächst hier einen Beitrag über "I am legend" (der neue Film mit Will Smith, den wir gestern gesehen habe) schreiben will.

7. Was trägst du gerade?

Eine rote Jeans, ein beigefarbenes Sweat-Shirt, die rote Hausschuhe, die ich zu Weihnachten von meinen Eltern bekam, die Ohrringe, die mir meine Schwester zu Weihnachten schenkte, meine Brille (ohne könnt ich nicht sehen, was ich schreibe), graue Socken, BH, Slip, schwarzes Unterhemd, zwei Ringe, ein Haargummi.

8. Hast du letzte Nacht geträumt?

Ich glaube schon, hab's vergessen, war wahrscheinlich wie immer irgendwas Abstruses, wenigstens war es kein Alptraum.

9. Wann hast du zum letzten Mal gelacht?

Als ich vor zwei Stunden von draußen mit dem leeren Mülleimer meine Wohnung betrat, ich ging aufs Kloh, brabbelte irgendein blödsinniges Wort (zurzeit ist "Ichtyosaurus" mein Favorit) und lachte sinnlos, zwecklos vor mich hin, passiert mit seit Monaten fast täglich: Ich muss nur mein aktuelles Blödsinnswort brabbeln, schon muss ich lachen. Das ist echt cool. Und natürlich eben lachte ich auch, als ich die Frage las, weil ich an die Situation von vorhin dachte, und während ich dies hier schrieb.

10. Hast du kürzlich etwas Sonderbares gesehen?

Ja, heut Nachmittag, als ich aus dem Büro schaute. Auf dem Gehweg gegenüber unserer Firma lief eine Frau in Richtung der Bushaltestelle, 50 Meter hinter ihr ging ein Mann, mit schnellem Schritt, der aber nicht lief, in dieselbe Richtung. Dann ging die Frau ein paar Meter, dann lief sie wieder. Obwohl der Mann die ganze Zeit ging, also eigentlich langsamer als die Frau hätte sein müssen, änderte sich der Abstand zwischen beiden nicht. Warum läuft die Frau, wenn es ihr keinen Vorteil bringt?. Da musste ich an eine Beobachtung denken, die ich vor kurzem gemacht: Kinder im Vorschulalter laufen meistens, wenn sie zu einem bestimmten Ort kommen wollen, auch wenn dieser nur wenige Meter entfernt ist. Erwachsene dagegen laufen, auch wenn sie es eilig haben, selten.

11. Was war der letzte Film den du gesehen hast?

Die Frage habe ich schon unter 6. beantwortet.

12. Was würdest du kaufen, wenn du plötzlich Multimillionär wärst?

Ein Rat an Lottogewinner lautet: Ruhe bewahren! Tief durchatmen! Das Geld nicht sofort zum Fenster rausschmeißen, die ersten Wochen überlegen, wie das Leben weiter gehen soll, und sich erst mal nur einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Das hinge bei mir von der Größe des Jackpots ab. Bei einem einstelligen Millionenbetrag ein iPhone von Apple, ab einem zweistelligen Millionenbetrag ein Audi TT Cabrio oder ein BMW Z3 Cabrio.

13. Sag mir etwas über dich, was ich noch nicht wusste.

Als Kind prophezeite man mir, dass ich noch das Haus in Brand setzen würde, wenn ich nicht mit Kokeln aufhöre.

14. Tanzt du gerne?

Ja, am liebsten mit geschlossen Augen.

15. George Bush?

Mir ist letztens ein Gedanke gekommen, weshalb er so gut mit der amerikanischen Ölindustrie kann. Der war doch mal Alkoholiker, vielleicht liefern die Ölkonzerne ihm als Gegenleistung dafür, dass er so vehement gegen eine vernünftige Kilimapolitik ist, jede Woche einen Kannister Benzin, an dem er dann schnüffelt, weil er nicht mehr saufen darf, Benzin ist ja so was ähnliches wie Alkohol. Ansonsten sind wir ihn ja bald los.

16. Stell dir vor, dein erstes Kind wäre ein Mädchen. Wie würdest du es nennen?

Ich kann keine Kinder kriegen. Auch als ich noch welche zeugen konnte, habe ich darüber nicht nachgedacht.

17. Und einen Jungen?

dito

18. Würdest du es in Erwägung ziehen, auszuwandern?

Nein, nur wenn sich die Umstände in Deutschland so entwickeln würden, dass ich fliehen müsste.

19. Was würdest du Gott sagen, wenn du das Himmelstor erreichst?

Da ich nicht an Gott glaube, stellt sich mir die Frage nicht. Und selbst, wenn ich doch vor dem Tor landen sollte, hat der Typ hoffentlich, was besseres zu tun, als sich von mir Löcher in den Bauch fragen zu lassen.

20. Jemand, der das hier auch beantworten soll?

Auf Anhieb fällt mir keiner ein. Die Blogger, die ich kenne, haben's wohl schon getan. Also werf ich das Stöckchen, wie beim letzten Mal in die Runde. Vielleicht fängt es jemand.

13
Aug
2007

Stöckchen-Spiel

Ja, Teufel noch mal, was ist denn das? Wo kommt das denn her? Liegt hier einfach im Weg. Leute, das könnt ihr doch nicht machen! Wenn da jemand drüber stolpert, der bricht sich vielleicht ein Bein oder schlimmer das Genick. Das ist gar nicht lustig, da braucht ihr gar nicht lachen, das ist alles schon vorgekommen. Ihr braucht nur die Zeitung aufschlagen. Jeden Tag berichten die von solchen Unglücksfällen. Nun gut ich räume es weg. Aber nur weil ihr es seid. Aber was ist das überhaupt? Ein Stöckchen, von einer Weide oder Ulme, gut eine Elle lang. Und schaut mal hier: Das ist ja was eingeritzt auf der Rinde. Was steht denn da:

"Nennen Sie acht Punkte, die man über Sie wissen sollte!"

Also so was! Ich wäre schon froh, wenn ich acht Dinge nennen könnte, die ich selbst über mich wissen sollte. Woher soll ich wissen, was andere über mich wissen sollten. Bin ich hier in einem Assessment-Center? Ich habe mich doch nirgends beworben. Ich will doch keinen anderen Job als meinen Brotberuf. Ich bin Schriftstellerin. Okay, so ganz stimmt das nicht, aber ich arbeite daran.

Ach, da hängt ja noch ein Zettel an dem Stöckchen. Hätte ich beinahe übersehen. Absender: Wally, und Mamü und ein paar andere, die noch nicht so gut kenne, haben auch eines bekommen. Dann bin ich also nicht zufällig über das Stöckchen gestolpert. Die Wally hat es extra für mich hier hingelegt. Seht ihr mal, das kommt davon, wenn man nicht regelmäßig das Internet aufräumt, dann bleibt so was liegen und andere fallen darüber. Ich war die letzte Woche aber auch etwas abgelenkt wegen meiner Lesung, die in ungefähr einem Monat ist.

Danke, Wally, ich nehme das Stöckchen an. Das wird aber wirklich schwierig. Acht Dinge, die andere über mich wissen sollten. Da muss ich erst mal überlegen.

1. Ich habe mir meinen Vornamen selbst ausgesucht.

Das ist einer der wenigen Vorteile, die man hat, wenn man wie ich als Junge geboren wurde und einem klar wird, dass man das eine Y-Chromosom gerne gegen ein zweites X-Chromosom tauschen würde: Man darf den Vornamen selbst wählen. Meine Eltern tauften mich Heiko. Welchen Namen sie mir gegeben hätten, wenn ich als Mädchen zur Welt gekommen wäre, weiß ich nicht. Das erste Mal nannte ich mich Sarah, als ich in dem Spiel Unreal nach dem Namen meiner Spielfigur gefragt wurde. Natürlich spielte ich als Frau. Das war drei Jahre vor meinen Coming Out. Ich mochte damals alte Namen. Ich überlegte, welche Namen aus der Bibel mir gefielen und kam so auf Sarah.

2. Ich verbrauche pro Jahr mindestens zwei Paar Schuhe.

Seit einem Unfall kurz vor meinem dritten Geburtstag bin ich behindert: Ich kann nicht richtig laufen. Wenn ich gehe, ziehe ich die Füße über den Boden, wodurch ich die Sohle an den Schuhspitzen abschleife. Es dauert in der Regel nur ein paar Monate, dann haben die Schuhe vorne Löcher. Wenn ich Löcher sage, dann meine ich auch richtige Löcher, solche wegen der man bei Regen nasse Füße bekommt. Einmal hatte ich Sportschuhe, die hielten fast ein ganzes Jahr, das war absoluter Rekord.

3. Ich habe nichts dagegen, wenn man mich nach meiner Behinderung fragt.

Ich wundere mich immer wieder, wie selten mich Menschen nach meiner Behinderung fragen. Wahrscheinlich scheuen die meisten vor einer Frage danach zurück, weil sie denken, dass die Frage zu persönlich ist. Natürlich ist die Frage persönlich. Ich meine nicht Leute, die mir beim Einkaufen im Supermarkt begegnen, oder flüchtige Bekannte, nein, ich spreche von Menschen, mit denen ich mehr zu tun habe, die sich mit der Zeit zu Freunden entwickeln. Jeder Mensch hat Geschichten, die er jedem erzählt. Die Geschichte meiner Behinderung ist eine meiner Geschichten. Wie ich sie erzähle, hängt von meiner Stimmung ab.

4. Ich mag Stehpartys nicht.

Die Leute stehen in Grüppchen zusammen, unterhalten sich angeregt. Man flaniert von einem Gespräch zum anderen. Ein Kellner bietet auf einem Tablett Sekt oder Orangensaft an. Eine Serviererin reicht Schnittchen. Auf ein paar wackeligen Tischchen kann man sein Glas abstellen. Auf eines dieser Tischchen werde ich mich wahrscheinlich stützen, weil ich nicht mehr stehen kann. Nach ungefähr einer halben Stunden wird stehen für mich anstrengend. Vielleicht gibt es sogar am Rand der Party vereinzelte Stühle. Aber wer möchte gerne abseits sitzen? Nein, auf Stehpartys kann ich verzichten.

5. Mein erste große Liebe war die Mathematik.

Eigentlich müsste ich über meine Liebe zur Mathematik einen separaten Beitrag schreiben und für die Königen der Wissenschaften eine Kategorie in meinem Weblog anlegen. Vielleicht ist Liebe auch zu pathetisch formuliert. Ich habe Mathe studiert, mit Begeisterung. In manchen Vorlesungen sass ich mit den staunenden Augen eines Kindes. Heute ist mein Verhältnis zur Mathematik abgekühlt. Trotzdem empfinde ich so etwas wie Ehrfurcht und Bewunderung, wenn ich an messbare Funktionen, den Satz von Bohman-Korovkin oder die Abgründe der Mengenlehre denke. Manchmal vermisse ich meine alte Freundin.

6. Ich teile meine Wohnung mit zwei Katzen.

Mera ist grauschwarzgetigert, mit einem weißen Latz und weißen Pfoten. Sansa ist schwarzgrau, mit weißen Unterfell. Sie sind Schwester und vier Jahre alt. Als ich sie aus dem Tierheim holte waren sie ein Jahr alt. Sansa springt beim Frühstück oft auf meinen Schoss und tretelt meinen Bauch. Mera legt sich abends zu mir ins Bett und vergräbt ihre Nase gern in meiner Achselhöhle. Während der ersten Monate, in denen sie bei mir waren, sprangen sie mir drei Mal mit gezückten Krallen ins Gesicht. Damals war kurz davor sie zurück ins Tierheim zu bringen. Heute kann ich mir ein Leben ohne meine Schätzchen kaum vorstellen. Wie oft schon habe ich mich gefragt, was in ihren Köpfchen vorgeht, wenn sie bei mir liegen und schnurren.

7. Ich spiele Go.

Go ist ein asiatisches Brettspiel. Seine Ursprünge liegen vor 4000 Jahre in China. Es gilt als das älteste Brettspiel der Welt. Ich habe es vor fünfzehn Jahren gelernt. Meine Spielstärke ist 4. Kyu, was ziemlich schwach ist. wenn man bedenkt wie lange ich es schon spiele. Mir hat es leider immer an Disziplin und Ausdauer gemangelt mich intensiver mit Go zu befassen.

8. Ich bin würde gern ein Musikinstrument spielen können.

Während der Grundschule lernte ich Blockflöte. Mit 16 Jahren wollte ich eine Gitarre haben, hatte aber keine Gitarrenlehrer. Stattdessen versuchte ich mir das Gitarre spielen selbst beizubringen. womit ich nicht sehr erfolgreich war. Ich habe nie in einer Band oder mit anderen gespielt. Heute würde ich gern Saxophon lernen. Dazu würde ich mir auch einen Lehrer nehmen. Leider fehlt mir dazu die Zeit: Schreiben ist mir wichtiger. Solange ich noch nicht vom Schreiben allein leben kann, werde ich mir kein Saxophon kaufen.

Puh, geschafft, war doch einfacher als ich dachte. Mir fallen jetzt natürlich noch viel mehr Dingen ein, die andere über mich wissen sollten.

Ich werfe das Stöckchen jetzt einfach in die Blogger-Gemeinde. Bin gespannt, ob es jemand fängt. Wäre schöne, wenn der Fänger einen Kommentar schriebe.

29
Jul
2007

Was ich noch sagen wollte

Als ich vorhin vom Fitness-Studio zurück kam, passierte etwas sonderbares. Ich stieg gerade die Treppen zu dem Haus, in dem ich wohne hinauf, stellte meine Taschen auf den Stufen ab und war froh, wie gut der kurze Weg vom bis hierher geklappt hatte. Nicht einmal hatte ich mich am Geländer fest halten müssen. Ich war die letzten Wochen ziemlich steif gewesen. Manchmal tat mir auch der rechte Fuss weh, wenn ich abends die Schuhe auszog. Ich machte mir auch Sorgen, wie mich meine Katzen begrüßen. Die waren bestimmt ausgehungert, weil länger als geplant im WOF war. Okay, eigentlich kein Grund sich zu sorgen, weil Katzen ja immer vorgeben zu verhungern. In solche Gedanken war ich versunken, während ich nach dem Haustürschlüssel suchte, als hinter am Straßenrand ein Wagen hielt. Als ich aus meinem Wagen gestiegen war, hatte ich keinen anderen bemerkt, der musste also gerade erst die Straße entlang gefahren sein. Vor meinem Haus ist absolutes Halteverbot. Ich überlegte kurz, wer da wohl hinter mir hielt. Wahrscheinlich ein Mitbewohner, dachte ich, oder jemand, der sich nach dem Weg erkundigen will. Der Motor verstummte, eine Autotür wurde zu geschlagen.

"Hallo, entschuldigen Sie!"

Ich war also nicht überrascht, dass mich der Fahrer ansprach. Ich drehte mich um und erblickte einen schlanken Mann, etwa meine Größe, schwarze Haare, Vollbart, etwa 40 Jahre alt. Er war mir unbekannt.

"Ich war am Donnerstag auf der Lousberg-Lesung", begann der Mann.

Am Donnerstag war die Lesung der Autoren der Barrockfabrik im Rahmen der "Leselust am Lousberg" hier in Aachen gewesen. Das Thema lautete "Korrespondenzen". Ich durfte meinen Text "ZEIT-Schnipsel" vortragen.

"Ich wollte Ihnen nur noch mal sagen, dass mir Ihr Text gefallen hat", fuhr er fort.

"Danke!" Ich war so erstaunt, dass ich nicht wusste, was ich ihm antworten sollte.

"Das war sehr lustig, was sie da vorgelesen haben." Er schien mir etwas verlegen zu sein. "Das wollte ich Ihnen nur noch mal sagen."

"Danke, das freut mich", antwortete ich. Ich überlegte, ob ich ihn zu meiner ersten eigenen Lesung im September einladen sollte, tat es dann aber doch nicht, weil ich mich ihm nicht aufdrängen wollte. Das war sicher keine professionelle Reaktion von mir, aber ich bin ja auch kein Profi. Jetzt bereue ich, dass ich die Gelegenheit, Werbung für meine Lesungen zu machen, nicht nutze.

Ich bedanke mich noch einmal bei ihm, lächelte ihn an. Er ging wieder zu seinem Wagen. Ich drehte mich wieder zur Haustür. Als er davon fuhr, betrat ich gerade den Hausflur.

Was war denn das gerade, fragte ich mich, während ich meine Wohnung betrat. Ich konnte es nicht ganz glauben. Da fuhr dieser Mann gegen 19:30 Uhr die Goethestraße entlang. Vielleicht war er auf dem Heimweg, kam wie ich vom Sport oder von einem Tagesausflug zurück. Oder war auf dem Weg zu einer Verabredung mit seiner Freundin, vielleicht wollten sie ins Kino gehen oder ins Theater oder in einem Restaurant essen. Ich weiß nicht, was er vorhatte. Eines bin ich mir aber sicher: Als er in die Goethestraße einbog, dachte er nicht an die Lesung auf dem Lousberg, nicht an meinen Text. Als er an meinem Haus vorbei, blickte er wahrscheinlich nur zufällig in meine Richtung, sah, wie ich gerade die Treppen hinaufstieg, erkannte mich wieder. 'Hey, das ist doch die Frau, die am Donnerstag auf dem Lousberg diesen tollen Text über die ZEIT gelesen hat', so was in der Art schoss ihm durch den Kopf. Dank meines auffälligen Gangbildes ist es nicht schwer, mich wieder zu erkennen, selbst wenn man mich nur von hinten sieht. In diesem Moment muss er das Bedürfnis gehabt haben, mir das zu sagen. Warum? Er überrumpelte mich und machte mich ein bisschen glücklich. Ein cooles Gefühl. Genauso das Gefühl, als mich nach der Lesung die beiden älteren Damen ansprachen. Der Texte habe ihnen sehr gefallen, ob man den Text schon irgendwo kaufen könne?

Nein, kaufen kann man den Text noch nicht.

21
Mai
2007

Eine Katastrophe?

Eigentlich wollte ich meinen nächsten Beitrag hier zu einem anderen Thema schreiben. Letzte Woche habe ich "Spider-Man 3", dazu wollte ich etwas schreiben. Oder dazu, wie ich in der 7. oder 8. Klasse meine erste große Liebe entdeckte. Damit jetzt niemand etwas falsches denkt: Meine erste große Liebe war kein Mensch, noch nicht einmal ein Lebewesen. Aber darüber will ich jetzt nicht schreiben.

Ich will über die Katastrophe schreiben, die sich am Sonntagnachmittag ereignete.

Gerade habe ich den Satz geschrieben, schon muss ich ihn revidieren: Die Katastrophe ereignete sich nicht am Sonntag. Ich weiß nicht, wann genau es geschah, aber entdeckt habe ich sie am Sonntagnachmittag. Ich vermute, dass es während meines Umzuges passierte oder als ich vor ein paar Wochen Altpapier in einen Container warf.

Ich hatte mich am Sonntag so darauf gefreut: Ich wollte endlich eine Geschichte schreiben, die mir schon länger durch den Kopf ging. Sie beruht auf einem Tagebucheintrag aus dem Jahr 2005. Ich setzte mich zwei alten Tagebücher in meinen Garten. Vor mir auf dem Tisch breitete ich ein Block aus. Oben auf das Blatt schrieb ich den Titel der Geschichte "Liegenbleiben". Dann blätterte ich in meinen Aufzeichnungen. Schnell fand ich den Eintrag und notierte mir das Datum, um ihn später leichter wieder zu finden. Aber die Szene, die ich in diesem Eintrag skizzierte war nicht komplett. Ich wusste, dass zu dieser alten Frau, die morgends in ihrem Bett aufwachten, noch mehr geschrieben hatte. Ich erinnerte mich sogar vage an weitere Formulierungen. Ich hatte gedacht, die Szene an einem Tag beschrieben zu haben, was offenbar ein Irrtum war. Kein Problem dachte ich, dann blätter ich eben weiter. Das Tagebuch, in dem ich diesen Beitrag geschrieben hatte, reichte bis Mitte Juli 2005, also musste das weitere, an das ich mich noch erinnerte, später geschrieben haben. Ich schlug das nächste Heft auf, aber der erste Eintrag darin datierte in den März 2006, also ein knappes dreiviertel Jahr nach dem letzten Eintrag aus dem ersten.

Vielleicht ahnt ihr schon, worin die Katastrophe besteht. Ich ging zu meinen Nachtschrank, in dem ich alle meine Tagebücher aufbewahre, um das zu holen, in welches ich von Juli 205 bis März 2006 schrieb. Ich fand es nicht: Es ist weg! Und mit ihm die Aufzeichnungen zu der Geschichte, die ich am Sonntag endlich schreiben wollte. Ich bin absolut sicher, dass ich von Juli 2005 bis März 2006 Tagebuch geführt habe, dass ich etwas darüber geschrieben habe, wie sie die alte Frau, während sie in ihrem Bett liegt, währen ihre Gelenke schmerzen, an ihren verstorbenen Mann dachte. Die Sätze schwebte zwischen dem Grab ihres Mannes und ihrem Bett. Als weg! Mist!

Ich weiß, dass ist sicherlich keine Katastrophe. Andere habe größere Probleme. Schalke ist nicht deutscher Fussballmeister geworden. In Afganisthan sind bei einem Bombenanschlag drei deutsche Soldaten ums Leben gekommen. In Afrika hungern die Menschen. Das Klima auf der Erde spielt verrückt. Die Buckelwale sterben aus, wahrscheinlich auch die Eisbären. In Japan schneidet ein sechzehnjähriger seiner Mutter den Kopf ab, trägt ihn in einer Plastiktüte durch Tokyo und übergibt ihn der Polizei. Das sind Katastrophen. Und ich lamentiere, weil ich ein Schreibheft verloren habe.

Eine Stunde durchsuchte ich am Sonntag meine Wohnung nach diesen blödem Heft.

Nun klafft eine Lücke in meinen Tagebuchaufzeichnungen, ein Teil meines Lebens ist verschwunden, was eigentlich nicht so schlimm wäre. Es gibt größere Lücken. Jahrelang führte ich kein Tagebuch, weil ich es irgendwann nicht mehr ertrug immer die gleichen Klagen auf die Seiten zu kritzeln. Aber der Zeitraum, den ich jetzt vermisse, umfasst die Monate vor meiner geschlechtsangleichenden Operation. Ich war damals sehr ruhig, ich zweifelte nicht an meiner Entscheidung für die Operation. Ich hatte keine Angst. Ich wartete auf Zweifel und Ängste. Obwohl ich mich nicht an tiefschürfende Gedannken aus dieser Zeit erinnere, hätte meine Aufzeichnungen von damals gern für später aufbewahrt.

Nun bleibt mir nichts, als mich zu ärgern: Über den Verlust dieser Gedanken und dieser wunderbaren Geschichte von dieser alten Frau.

26
Apr
2007

Ein altes Foto

Es ist immer wieder ein komisches Gefühl, wenn ich meine Eltern besuche. Zwischen deren und meinem Wohnort liegen ungefähr 360 Kilometer oder vier bis fünf Stunden Fahrt, je nachdem wie sehr ich rase und wie verstopft die Autobahnen sind. Dazwischen liegt aber noch viel mehr: mein Wechsel vom Mann zur Frau. Ein Besuch bei meinen Eltern ist eine Reise in die Vergangenheit. in ein anderes Leben, mein altes Leben. Mehr oder weniger ständig werde ich damit konfrontiert. So auch jetzt gerade in diesem Moment, da ich in meinem alten Jungendzimmer sitze, in dem jetzt der Schreibtisch meiner Mutter steht, und an ihrem Rechner diese Zeilen tippe. Neben dem Monitor steht ein Bilderahmen, in dem zwei Fotos stecken: eines von meiner Schwester und ein kleineres von meiner Schwester und - ich zögere, dieses Personalpronomen zu schreiben - mir. Auf dem Foto hockt ein ungefähr 26 jähriger Mathematikstudent vor meiner Schwester, sie hat beide Hände auf seine Schultern gelegt: Wir lächeln in die Kamera. Der Student trägt ein grüngemustertes Hemd, das einmal eines meiner Lieblingshemden war, und Hosenträger. Er hat die Haare zu einem Zopf zusammen gebunden. Als ich vorhin den Rechner anschaltete, fiel mein Blick auf dieses Foto. Ich nahm es vom Regal, um es nähern zu betrachten. Der Typ auf dem Foto, der ich selber einmal war, kommt mir seltsam fremd vor. War ich das wirklich einmal? Ja, das war ich. Ich kann mich erinnern, dass meine Schwester und ich das Bild damals kurz vor Weihnachten in der Wohnung machten, in der sie mit ihrem damaligen Freund wohnte. Wir schenkten es unseren Eltern zu Weihnachten. Als ich es eben in die Hände nahm, schoss mir spontan der Wunsch durch den Kopf diesen Typen aus dem Foto zu schneiden. Aber das geht natürlich nicht. Es hätte auch gar keinen Sinn, denn dann müsste ich ihn auch aus allen anderen Fotos, die bis vor vier Jahren von mir gemacht wurden, herausschneiden; ebenso aus meinen Erinnerungen, aus denen meiner Schwester, meiner Familie, meiner Freunde, eine so scharfe Schere werde ich nicht finden, ich suche auch gar nicht nacht ihr.

Morgen feiert mein Großvater seinen 80. Geburtstag. Es wird eine große Feier. Angeblich sollen bis zu 120 Personen eingeladen worden sein. Wieder so eine Reise in die Vergangenheit: Mein Großvater wird mich mit meinem alten Vornamen anreden, wie die meisten der eingeladenen Gäste auch.

20
Apr
2007

Weg mit ihm!

Noch hockt er bei mir in der Wohnung, schielt missmutig aus einer Ecke heraus zu mir auf mit aufgerissenem Gesicht. Ob er mir wütend ist? Ob er ahnt, dass ich mich von ihm trennen werde. Es ist noch nicht einmal seine Schuld. Sein rechteckiges Auge, das sein ganzes Gesicht ausfüllt, bleibt dunkel. Früher sah ich stundenlang durch sein Auge hinaus in die Welt, aber nun reizt mich sein Flimmern nicht mehr. Ich bin von ihm entwöhnt. Die Kur dauerte nur ein paar Wochen, in denen ich mir unsicher war, ob ich es nicht doch vermissen würde. Aber nun weiß ich es: Ich brauche ihn nicht mehr! Weg mit ihm!

Von wem ich rede? Von meinem Fernseher.

Als ich letztes Jahr in meine neue Wohnung zog, wusste ich, dass die Empfangsmöglichkeiten nur sehr begrenzt sind. Selbst mit einer Zimmerantenne empfange ich nur ARD, ZDF und WDR, aber auch nur mit so viel Rauschen, dass ich eigentlich sagen müsste: Ich empfange keine Programme. Anfangs hatte ich überlegt, einen Kabelanschluss zu mieten oder mir eine Satellitenschüssel zu kaufen, konnte mich aber nicht so recht aufraffen mich darum zu kümmern. Was hätte ich auch davon gehabt? Die Möglichkeit 40 Programme oder mehr empfangen zu können, von denen höchsten zehn ab und zu mal etwas sehenswürdiges senden, reizte mich nicht. Trotzdem behielt ich meinen Fernseher. Im Herbst soll in Aachen das digitale Fernsehen empfangen werden können. So lange wollte ich ursprünglich warten, um zu testen, ob sich meine Empfangsmöglichkeiten dadurch verbessern. Aber je länger mein Fernseher ungenutzt in der Ecke stand, desto mehr störte er mich.

Gestern habe ich ihn bei Ebay eingestellt. Weg mit ihm! Es reicht! Genug Zeit zum Schreiben, Lesen, Musik hören oder andere sinnvolle Tätigkeiten.

Fernsehen ist scheiße!

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