Liebe Leserin, lieber Leser

ich grabe in meinem Bergwerk nach Texten und finde: Nuggets, Kristalle, Edelsteine und viel zu oft Katzengold. An den Fundstücken klebt Schlamm. Sie müssen gewaschen und poliert werden. Das alles mache ich hier nicht.

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HARFIM - 2. Mär, 00:10
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Gestern kam die neue Ausgabe der TextArt. Auch wenn...
sarah.tegtmeier - 1. Mär, 22:25

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19
Sep
2009

Die Schuldige

“Du bist Schuld!”
Marlene blickte in den Spiegel. Das Gesicht verzog keine Mine.
“Du bist Schuld!” Sie tippte mit einem Finger auf das Gesicht. “Du! Du! Du!”
Sie ließ den Bademantel von ihren Schultern gleiten, tauchte ihr Gesicht in das kalte Wasser im Waschbecken, bis sie keine Luft mehr hatte und Atem holen musste.
“Hätte ich doch nie auf dich gehört!”, schrie sie das Gesicht im Spiegel an. “Wenn wir es auf meine Art gemacht hätten, dann wären wir Isabelle jetzt los. Ist dir das klar? Du verdammte Hexe!”
Im Wohnzimmer brannte nur die Stehlampe. Auf dem Bildschirm flimmerte der Bericht von dem Flugzeugabsturz. Eine Lufthansa-Maschine war auf ihrem Flug von Frankfurt nach Barcelona über Frankreich in Schwierigkeiten geraten. Der Pilot hatte noch einen Funkspruch senden können, dann war die Verbindung abgebrochen, das Flugzeug stürzte über den Pyrenäen ab.
Marlene hockte sich auf die Lehne eines Sessels und goss sich ein Glas Whiskey ein.
„Die Rettungskräfte haben keinerlei Hoffnung Überlebende zu finden“, erklärte die Moderatorin der Sondersendung, während im Hintergrund Bilder von der Absturzstelle zu sehen waren: verstreute Wrackteil, zwischen denen kleine orangene und gelbe Punkte kletterten.
Sie nahm einen Schluck Whiskey, schleuderte das Glas in Richtung des Bildschirms. Es verfehlte das Gerät knapp, zerschellte an der Wand. Der Whiskey troff an der Tapete herunter.
„Scheiße!“
Ihr Handy klingelte. Auf dem Display leuchtete Max’ Name. Widerwillig griff sie nach dem Handy, atmete tief durch. Erst als ihre Mailbox schon die Ansage herunterleierte, nahm Marlene das Gespräch an.
„Ja!“
Sie hatte ihre Stimme nicht im Griff, sie klang etwas zu gereizt, aber er würde es unter den Umständen wahrscheinlich als emotionale Erregung verstehen.
„Was ist mit dir los?“ Natürlich wusste er, dass sein Name auf dem Display erschien. „Warum lässt du es so lange klingeln?“
Ahnte er vielleicht doch etwas von ihrem Zorn. Zuzutrauen wäre es ihm.
„Ich war im Bad. Ich bin total fertig.“ Wenigstens musste sie sich nicht sehr bemühen Betroffenheit zu heucheln. „Wie geht es Isabelle?“
„Wie soll es deiner Schwester schon gehen.“ Seine Stimme klang vorwurfsvoll. „Erst schreist du hier das halbe Haus zusammen und beschuldigst sie vollkommen ohne Grund.“
„Es tut mir leid.“
Max schwieg. Hatte er überhaupt eine Ahnung, wie sehr sie die Szene vom Vormittag bereute. In der Stille der Verbindung knisterten seine Gedanke. Sie stellte sich seinen Ich-weiß-genau-was-du-jetzt-denkst Blick vor.
„Dann verpasst sie deswegen ihren Flug nach Barcelona. Wie würde es dir gehen, wenn dir durch so einen krankhaften Tobsuchtsanfall das Leben gerettet wird.“ Er machte eine Pause, wieder dieses knistern seiner Gedanken. „Zwei Stunden haben wir gebraucht das Chaos, das du hier angerichtet hast, zu beseitigen.“
Ein Luftzug fuhr vom Balkon herein. Ihr fröstelte. Die Badezimmertür schlug zu. Sie zuckte zusammen. Marlene spürte wie sie sich wieder näherte als hülle sie jemand in einen seidenen Umhang.
„Und als ich sie dann einigermaßen beruhigt hatte“, fuhr er fort, „haben wir die Nachrichten eingeschaltet und vom Absturz ihrer Maschine erfahren.“
„Wann kommst du?“
„Keine Ahnung. Ich glaub’, ich fahr’ erst mal in meine Wohnung“
Er seufzte. Sie presste das Handy an ihr Ohr, um kein Knistern oder Rauschen zu verpassen. Die Verbindung war so einwandfrei, dass sie fürchtete, er hätte aufgelegt.
„Max!“, flüsterte sie. „Bist du noch dran?“
„Marlene, ich weiß nicht, ob ich wieder kommen will.“
Ein einzelnes Knacken, dann brach die Verbindung ab.

5
Jul
2009

Die Lücke nehmen

In einer Einführung zum NaNoWriMo las ich einmal, dass man gegen Ende der zweiten Woche in ein Schreibloch fällt, dann müsse man einfach weiter schreiben. Wenn man es durchquert hat, ginge das Schreiben dann viel leichter. Ich glaube, ich habe die Talsohle hinter mir. Es darf jetzt nur keine längere Pause von einer Woche oder mehr wie in den letzten zwei Monaten kommen.
Es ist als warte ich am Rand einer vielbefahrenen Straße auf eine Lücke im Verkehr. Es regnet. Ein Lastwagen klatscht mir einen Schwall Wasser vor die Füße. Da tut sich eine Lücke auf. Ich zögere. Von Links naht schon ein Tankwagen und von rechts ein Schulbus. Auf der anderen Seite steht jemand, dem ich nicht begegnen möchte. Ich muss nur entschlossen die Straßen queren. Die anderen werden ihre Geschwindigkeit reduzieren. Ich gehe los, lächle den gegenüber nicht an, starre nicht an ihm vorbei.

22
Mai
2009

The Lord of the Rings

Erst mal muss ich gestehen, dass ich "Der Herr der Ringe" erst einmal gelesen habe, vor ungefähr zwanzig Jahren. Damals gefiel er mir sehr, ich war sogar der Meinung, dass Tokien an einigen Stellen noch ausführlicher hätte sein können. Als die Filme in die Kinos kamen, holte ich mir eine Box mit dem englischen Original "The Lord of the Rings". Sechs Taschbuchbände im schwarzen Schuber, kam aber nie dazu die zu lesen. Als ich letztens mal wieder die Filmmusik hörte, bekam ich Lust auf Tolkien und wagte mich ans Original.

Die ersten zwanzig Seiten waren eine einzige Qual: Hobbit-Geschichte und Pfeifenkraut zählen nicht unbedingt zu den Dingen, die mich brenned interessieren. Ich denke an "Vier Seiten für ein Halleluja" und frage mich, wie Lektoren auf mein Manuskript reagieren, sollte ich es mit einer Abhandlung über die verschiedenen Geschmäcker des “Wassers der Magie” oder einem Essay über die Erbauer des “Turms von Gwallor” beginnen. Mit etwas Glück bekäme ich vom Verlag etwa folgende Antwort: “Wir bedanken uns für die Zusendung Ihres Manuskriptes. Leider passt Ihr Roman nicht in unser Verlagsprogramm. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir aufgrund der Masse von Einsendungen, die wir erhalten, Ihr Manuskript nicht zurück schicken können.” Anders gesagt: Reißwolf! Wenn ich nicht wüßte, was nach dem Pfeifenkraut kommt, wäre ich wahrscheinlich nicht über diese ersten zwanzig Tolkien-Seiten hinausgekommen. Aber auch danach wurde es nicht viel besser.

Ich erlebe eine Art Schock: Wie konnte mir so etwas je gefallen? Daran soll ich mich orientieren: Um Gottes willen bloss nicht!

Am meisten stört mich die Oberflächlichkeit der Charakterzeichnung. Merry, Pippin, Frodo und Sam packen gerade ihre Sachen, nachdem sie bei Tom Bombadil übernachtet haben. Nicht einer dieser vier Hobbits interessiert mich, nicht einer von denen hat einen Charakter. Sie sind für mich nicht viel mehr als Marionetten, die Tolkien an Fäden durch seine Geschichte zieht. Sie stolpern Berge hinauf und hinunter und es interessiert mich nicht, ob sie blaue Flecken bekommen oder sich ein Bein brechen. Nicht die geringste Spur von charakterlicher Tiefe. In keiner der Figuren bin ich drin gewesen, kann nicht sagen, was für ein Hobbit Frodo ist, welche Gedanken und Träume Sam hat.

Die einzige Gestalt, die aus diesem Durchschnittsbrei heraustritt, ist Tom Bombadil, aber den würde ich heute aus meinem eigenen Roman herauskürzen: Er bringt die Handlung nicht voran und spielt für den Roman nicht die geringste Rolle. Vor zwanzig Jahren war Tom eine meiner Lieblingsfiguren. Ich fand es schade, dass er es nicht in die Filme geschafft hat, war so froh, dass der WDR ihn in die Hörspielfassung aufnahm. Ich habe übringends immer noch die Stimme seines Sprechers im Kopf. Und trotzdem finde ich dieses tänzelnde und jodelnde Etwas nur noch peinlich.

Ich bin ehrlich gesagt etwas ratlos, dass mir Tolkien jetzt so gar nicht mehr gefällt. Vielleicht liegt es an der Sprache? Vielleicht ist mein Englisch doch zu schlecht? Aber ich habe alle Harry Potter Romane nur auf Englisch gelesen und war begeistert. Letztes Jahr las ich “In the Woods” von Tana French (auf deutsch erschienen als “Grabesgrün”) und es war eine spannende und aufwühlende Lektüre auch wegen der Sprache. Vielleicht bin ich ein nur zu alt für Tolkien. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich viel kritischer geworden bin als Leserin, seit ich selbst schreibe. Vielleicht reibe ich mich auch deshalb so an Tolkien, weil sein Stil Elemente enthält, die ich für stilistisch ungeschickt und literarisch fragwürdig halte. Vielleicht bin ich auch einfach nur gekränkt, weil Tolkien sich über Regeln und Ratschläge hinwegsetzt, die ich umzusetzen versuche, um meine Chance auf eine Veröffentlichung zu erhöhen. Ja, das ist wohl der eigentliche Grund, weshalb ich heute so mit Tolkien hadere: Dass er meiner Meinung nach schlechter und oberflächlicher schreibt als ich und trotzdem veröffentlich wurde.

Ich werde den Hobbits noch bis Rivendel folgen. Wenn sich meine Meinung bis dahin nicht geändert hat, soll Frodo zusehen, wie er den Ring los wird.

14
Mrz
2009

Die "Vier Zedern"

Man konnte sie nicht verfehlen. Jeder Reisende, der von Norden die Straße herauf kam, blieb unweigerlich stehen und kniff die Augen zusammen, um gegen die Sonne zu blicken. Einen Moment blinzelte er, dann schnaufte er vielleicht erleichtert oder ein Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel und er schritt geradewegs auf die Schenke zu, die sich mit ihren Pfählen an den Hang unter den vier Zedern krallte. Von weiten glich sie einem alten Kater, der einen Buckel macht und seine Schläfe schnurrend an den Stämmen reibt. Mochten einige Häuser im Dorf auch älter oder weniger baufällig sein, ließ die "Vier Zedern", wie die Schenke von je her hieß, keinen Zweifel aufkommen, dass dies ihr Platz war. Sie wirkte wie jemand der genau wusste, wohin er gehörte, wie jemand, der nicht um seinen Platz kämpfen musste, weil niemand vor ihr gewagt hatte, sich darauf nieder zu lassen. Ihr Grundstück hatte auf sie gewartet; das wusste sie und genau deswegen empfing sie jeden Reisenden, sei er ein reicher Händler oder ein heimatloser Spielmann, mit der gleichen Gastfreundschaft.

Erst wenn man näher herankam, sah man die Narben, die Sommerhitze und Winterstürme in ihrem hölzernen Körper hinterlassen hatten. Die Latten überzog ein schwarzer Schatten der aussah wie Rauch, der von einem unsichtbaren Schwelbrand aus dem Holz strömt. Wenn man die Stufen zur Veranda herauf ging und vor dem Eingang kurz stehen blieb, meinte man einen schwachen aber scharfen Schwelgeruch nach abgestandenen Erinnerungen, erloschenen Sehnsüchten und vergessenem Zorn zu riechen. Die Dielen knarrten unter den Schritten. Unter dem Vordach der Veranda nisteten Schwalben. Die grauen Schindeln auf dem Dach wirkten wie vertrocknetes Laub, das sich in den Stacheln eines Igels verfangen hatte.

Die Scharniere der Eingangstür waren rostig und quietschen, wenn ein Gast eintrat. Der Schankraum war ungefähr quadratisch. Zur Straße hin gab es glaslose Fenster, vor die bei schlechtem Wetter Lederhäute gespannt wurden. Tische und Stühle standen durcheinander, die sich die Gäste zusammen schoben, wie sie es wollten. Die Sitzflächen und Lehnen der Stühle bestanden aus Korbflechten. Die Tisch waren übersät mit Kerben, weil die Gäste es gewohnt waren, ihre Messer beim Essen in Platte zu rammen. In der Mitte des Raumes war ein dunkler Fleck in die Dielen eingetrocknet, aber weder der Wirt noch die ältesten Dörfler konnten sagen, ob er von Blut oder Rotwein rührte. Den Schankraum teilte ein schmaler Tresen, hinter dem gerade soviel Platz war, dass sich zwei aneinander vorbei zwängen konnten. In den Tresen eingelassen war ein Bottich, der zum Spülen der Krüge und Teller diente. Neben dem Bottich lagen in einer Art Wanne zwei Fässer. Eines enthielt Bier das andere eine Limonade, die der Wirt selbst aus Wasser, Essig, Ahornsirup und diversen Gewürzen braute. Im Regal hinter dem Tresen stapelten sich Tonkrüge und Geschirr, daneben standen Weinflaschen, Kohlköpfe, Körbe mit Brot und geschälten Kartoffeln und Dosen mit Gewürzen. Außerdem präsentierte der Wirt einige der sonderbaren Geschenke, die er von Reisenden erhalten hatte, wie den mumifizierten Kopf eines Gorillas und den Stoßzahn eines Narwals. Ein gemauerter Grill mit Kamin durchstieß eine Seitenwand, den der Wirt morgens früh entfachte und erst löschte, nachdem die letzten Gäste gegangen waren oder sich schlafen gelegt hatten. Auf dem Grill kochte der Wirt Gemüse und Eintöpfe oder briet Wild. Da die Schenke nur zur Straße hin Fenster hatte, die zu klein waren, um Durchzug zu liefern, war die Luft im Schankraum stets erfüllt mit einem Dunst aus zubereiteten Speisen und dem Rauch von Pfeifen und Zigarren, die besonders abends genossen wurden. Dahinein woben sich die Ausdünstungen der Gäste, der Knechte und Mägde, der Händler und Huren, der Dörfler und Fremden, der Jungen und Alten; Kinder lernten hier zu laufen, Jünglinge zu küssen und Liebespaare die Eifersucht zu fürchten. Die "Vier Zedern" saugte alles auf und schwitzte es wieder aus. Jeder, der hier öfters einkehrte, ließ einen Teil von sich zurück. Nicht wenige kamen nur wieder, weil sie sich, ohne es zu wissen, nach ihrem Verlust sehnten.

8
Mrz
2009

Der seltsame Fall des Benjamin Button

Als Benjamin Button im Jahre 1918 geboren wird, hat er den Körper eines Greises. Als sein Vater den Sohn in den Armen seiner im Kindbett sterbenden Frau sieht, erleidet er einen Schock, weil das Kind so häßlich ist. Er läuft mit dem greisen Säugling davon, will es erst in einem Fluss ertränken, wird dabei von einem Polizisten beobachtet. Er entkommt dem Polizisten und legt das Kind auf den Stufen eines Altenheimes ab. Die Inhaberin, eine Schwarze, nimmt das Kind, trotz seine ungewöhnlichen Aussehen als ihren Sohn an. Benjamin hat die Gebrechen eines Greises. Sein Geist ist aber der eines Säuglings. Während er heranwächst, altert und reift sein Geist aber sein Körper wird jünger. Eine interessante Idee für eine Geschichte, aus der ein guter Film hätte werden können. Das Ergebnis ist aber belanglos, weil der Film jedwedem Konflikt aus dem Weg geht. Während seiner Kindheit wird Benjamin nicht mit anderen Kindern konfrontiert. Er lebt die ganze Zeit in dem Altenheim und wird von Besuchern für einen alten Mann gehalten. Die Konflikte, die sich daraus ergeben könnten, werden aber nicht ausgelebt. In einer Szene geht Benjamin, im Geiste ungefähr zehn Jahre und körperlich vielleicht siebzigjährig, über eine Straße, während im Hintergrund Kinder spielen. Aber es findet keine Konfrontation mit den anderen Kindern statt, weil sie in nicht als Kind erkennen. Während seiner gesamten Kindheit besucht Benjamin keine Schule und spielt außer mit Daisy, die später seine große Liebe werden wird, nicht mit anderen Kindern. Trotzdem lernt er lesen und entwickelt sich zu einem lebenstüchtigen jungen Mann. Während des gesamten Films muss er sich nicht ein einziges Mal bewähren, nie wird sein Charakter in Frage gestellt, nie stellt er sich einem Konflikt. Er lernt keinen Beruf und macht auch keinen Hochschulabschluss. Als er nach zwei Drittel des Films Daisy schwängert, nachdem die beiden eine Zeit voller Leidenschaft hinter sich haben, rennt er davon. Als Begründung führt er an, dass er nicht verantworten könne, dass Daisy für die gemeinsame Tochter und ihn (da er ja immer jünger wird) sorgen muss. Fortan reist er durch die Welt. Finanziell muss er sich keine Sorgen machen, da sein richitger Vater ihn irgendwie ausfindig macht und ihm ein großes Vermögen hinterlässt. Um es auf den Punkt zu bringen: Benjamin ist ein reicher Schnösel, dessen einziges Problem ist, sein Erbe durchzubringen. Ein absolut unreifer und langweiliger Mensch.

Auch sein Problem, dass sein Körper jüngert anstatt altert, erweist sich bei genauerer Betrachtung als banal: Als greises Kind ist er genauso hilflos wie ein normales Kind. Als er sich im Alter körperlich zu einem Knaben und schließlich sogar zu einem Säugling entwickelt, ist er genauso hilflos und auf Pflege angewiesen wie ein alter Mensch, der an Alzheimer erkrankt.

Von einem Kritiker wurde der Film als „in Bilder übersetzte philosophische Reflexion über die Existenz, das Altern und den Tod“ betont. Natürlich bedeutungsschwanger daher. Letztlich liefert er aber nicht mehr als ein beständiges Raunen von der der Vergänglichkeit allen Seins. Meine zwei Katzen halten mir die Vergänglichkeit allen Seins deutlicher vor Augen. Die Lebenserwartung meiner Katzen beträgt mit vielleicht 20 Jahre. Sie sind jetzt 6 Jahre. Mit etwas Glück darf ich ihre Gegenwart noch 15 Jahre genießen. Ich werde ihren Tod erleben. Dieses Wissen ist manchmal schwer zu ertragen, wenn sie in meinen Armen schnurren.

Ich bin nicht der Meinung, dass “Der seltsame Fall des Benjamin Button” ein schlechter Film. Man kann ihn sich angucken, er ist nett gedreht und erzählt, ist letztlich aber banal und belanglos und liefert nur Binsenweisheite. Brad Pitt sieht natürlich schön aus. Aber eine herausragende schauspielerische Leistung ist das nicht. Nach ungefähr der Hälfte des Films schaute ich das erste Mal zum Ausgang.

3
Mrz
2009

satznachvorn

Lange habe ich ja gedacht ein PoetrySlam wäre nichts für mich und meine Texte, bis ich im Januar meinen ersten Slam live erlebte. Da habe ich Blut gelegt. Nun ist also soweit. Am Freitag trete ich beim satznachvorn auf. Ein Freund meinte, dass für einen PoetrySlam die Regel gelte: Schneller! Härter! Lauter! Ich werde wohl leise und langsam anfangen aber auf jeden Fall meinen härtesten und lautesten Text vortragen

2
Mrz
2009

Geplatzte Träume

Nun ist er also geplatzt mein Traum vom Schreiben. Nein, nicht nur einer sondern zwei Träume vom Schreiben sind geplatzt. Heute der zweite. Heute sollten die Gewinner des Heyne-Wettbewerbes bekannt gegeben werden. Im Federfeuer hat sich heute Mittag jemand als einer der fünf Gewinner geoutet. Dann will ich mich jetzt als eine der 1395 Teilnehmer outen, die keine Einladung zur Buchmesse in Leibzip erhielten. Das ist der zweite geplatzte Traum vom Schreiben.

Der wichtigere Traum platzte ziemlich genau vor einer Woche. Ich saß genau hier, wo ich jetzt sitzt, schrieb darüber, was ich an dem Tag getan hatte, um meinen Traum vom Schreiben - und kaum hatte ich das geschrieben: Da platzte der Traum. Nichts hatte ich an dem Tag getan, nichts hatte ich geschrieben, keine Seite an meinem Manuskript, keine Zeile in meinem Weblog, nichts, ich jammerte nur darüber, dass ich nichts geschrieben hatte, fragte mich, wo der Tag geblieben war. Genau in der Situation platzte der Traum. Er ist fort, weg, hat sich aufgelöst, es gibt ihn nicht mehr. Das war das beste, was mir letzte Woche widerfuhr. Zwei Tage habe ich bestimmt gebraucht, bis ich den Verlust einigermaßen verarbeitet hatte. Dass ich erst jetzt darüber schreibe, liegt allein daran, dass ich andere Dinge erledigen und schreiben musste. Endlich bin ich ihn los, diesem dummen und kindischen Traum vom Schreiben.

Was von diesem Traum übrig blieb, ist die Wirklichkeit des Schreiben; und die ist verbindlicher und fordernder als ein Traum je sein kann. Sie verzeiht keinen Fehler, sie entschuldigt keine Ausreden, sie gestattet keine Ausnahmen.

1
Mrz
2009

The International

Eigentlich wollte ich heute ein anderen Film gucken, nämlich “Die sonderbare Geschichte des Benjamin Button”, aber ich kam zu spät ins Kino, weil ich vorher unbedingt noch eine Portion Fritten Spezial essen wollte und ich deshalb im Pommes-Laden neben dem Cinnekarre länger warten musste. Als ich endlich an der Kinokasse stand, hatte der Film schon begonnen. Und da ich ungern den Anfang eines Filmes verpasse, entschloss ich kurzer Hand für “The International”, der neue Film von Tom Tykwer, der auf der diesjährigen Berlinale der Eröffnungsfilm war. Ehrlich gesagt, machte das den Film für mich verdächtig. Ich ungefähr eine halbe Stunde der Live-Übertragung auf 3Sat, von der Eröffnung der Berlinale gesehen. Dort wurde der Film gelobt, wie toll er doch wäre. Die teilnehmenden Stars posierten vor den Filmplakaten und alle die daran beteiligt waren und von einem Journalisten erwischt wurde, beteuerten natürlich, was für ein toller und wichtiger Film das ist. Irgendwie soll er ja ein Kommentar (oder vielleicht sogar ein Erklärungsversuch) der internationalen Finanzkrise sein. Habe ich jedenfalls irgendwo gelesen oder gehört. Und es kommt ja auch schon irgendwie im Titel vor “The International”: Die Internationale oder das internationale Finanz-Irgendwas-Konglomerat, das im Hintergrung die Fäden zieht, dafür verantwortlich ist, dass das Brot teurer wird, Kredite schwerer zu bekommen sind und überhaupt alles nur noch nach seiner Rendite beurteilt. So was in der Art hatte ich von dem Film im Kopf, als ich mich im Kino in meinen Sessel setzte. Der große Finanzkrisen-Erklärungs-und-Kommentar-Film von Tom Tykwer, so irgendwie jedenfalls, aber auch nur irgendwie. Denn ganz ehrlich gesagt: So ganz verstanden habe ich die Story nicht. Ich könnte jetzt nicht nach erzählen, wer gegen wen warum intrigiert, die Fäden im Hintergrund und welche Ziele dahinter stecken. Aber irgendwie misstraue ich diesem Story-Konstrukt, auf mich macht es eher den Eindruck einer sehr persönlichen Sicht des Regiesseurs und Drehbuchautoren auf das böse internationale Finanzsystem. Natürlich kann das ein Teil der Wahrheit sein, aber wenn dann eben nur ein Teil. Die eigentliche Wahrheit ist aber komplizierter und unangenehmer.

Was ich bisher geschrieben habe, soll nicht bedeuten, dass “The International” ein schlechter Film ist. Es ist ein spannender, gut gemachter Thriller. Aber er öffnet mir nicht die Augen, löst kein Aha-Effekt in mir aus, liefert mir keine neue Erkenntnis. Er kommt mir eher wie eine beständig gemurmelte Beschwörung des großen bösen internationalen Finanzwesens vor.

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