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24
Sep
2006

Wer war der Junge?

Niemand weiß mehr, was der kleine Junge dachte in dem Moment, als er am Rande des Schachtes stand und hinunter schaute, oder warum er sich weiter vor beugte, wonach er spähte. Dieser Junge von nicht ganz drei Jahren, der ich damals war. Ich kann mich nicht mehr an diesen Jungen erinnern. Er stürzte hinunter, fiel zweieinhalb Meter tief, schlug mit dem Kopf auf leere Bierkästen oder Bierfässer und schrie und blutete nicht. Keine offene Wunde am Kopf. Später im Verlauf der Kindheit des Jungen, der ich durch diesen Unfall geworden bin, sagte meine Mutter immer, wenn ich mal wieder auf stur schaltete: "Typisch Widder! Immer mit dem Kopf durch die Wand!" Ich habe mich nie als stur empfunden. Ob dieser kleine Junge damals stur war?

Die Platte, die den Schacht bedeckte war zur Seite geschoben worden, weil die Brauerei das Leergut, das dort unten lagerte, abholen und dem Restaurant meiner Großeltern neue Getränke liefern sollte. Vielleicht machte der Bierfahrer Pause oder er klönte mit Hans dem Bäcker. Der kleine Junge war neugierig, er stand am Rande dieses Schachtes und schaute hinunter und beugte sich vor und bekam das Übergewicht. War es ein sonniger Tag? Nicht weit von dem Schacht stand ein Wallnussbaum, der muss wohl noch kahl gewesen. Der Unfall passierte irgendwann im Februar. Ich weiß es nicht. Der Junge wüsste es vielleicht, aber er blieb unten liegen, obwohl sie ihn herauftrugen aus dem Schacht. Der Schacht konnte über den Keller betreten werden. Sie trugen den Jungen durchs Treppenhaus nach oben. Aber wer? Meine Mutter? Mein Vater sicher nicht, der arbeitete damals schon bei der Post oder an dem Neubau unseres Hauses, er war früher Maurer gewesen. Wer war der Junge gewesen?

Er schrie und blutete nicht. Sie riefen keinen Arzt. Am Nachmittag wachte der Junge nicht aus dem Mittagsschlaf auf, lag besinnungslos in seinem Bettchen. Im städtischen Krankenhaus zeigte das Röntgenbild ein Blutgerinsel im Kopf des Jungen. Irgendwo auf der Fahrt nach Göttigen ins dortige Universitätskrankenhaus, während die Polizei mit Blaulicht voraus raste, verlor sich die Spur des Jungen. Die Ärzte öffneten den Schädel, entfernten das Blutgerinsel. Sieben Wochen später wachte ich aus dem Koma auf. Dem kleinen Jungen, der damals am Rande des Schachtes stand und hinunter schaute und das Übergewicht bekam, bin ich nie wieder begegnet.

Seit diesem Unfall bin ich gehbehindert. Mein Behindertenausweis vermerkt als Grad der Behinderung 80% und "die Notwending ständiger Bleitung ist nachgewiesen". Das hört sich dramatischer als es wirklich ist. Wie ich zu diesem Beisatz gekommen bin, weiß ich nicht. Ich führe ein normales selbständiges Leben. Meine Behinderung bedeutet nur, dass ich nicht richtig laufen kann, es sieht nicht so leicht und locker wie bei den meisten von euch aus. Kinder drehen sich nach mir um, früher sagten sie zu ihren Eltern: "Guck mal, wie der Mann geht"; heute dagegen: "Wie geht die Frau denn?" Das tut gut, ich mein, das sie mich als Frau erkennen.

Früher habe ich nie viel über diesen Jungen nachgedacht. Für mich beginnt mein Leben in dem Moment, als ich aus dem Koma erwachte. Je mehr ich zur Frau wurde, desto öfter fragte ich mich, ob dieser Junge schon von der Frau träumte, die ich heute bin, ob er sie vielleicht dort unten am Boden des Schachtes zu finden glaubte. Ich weiß es nicht. Diese Frage wird immer ein intellektuelles Gedankenspiel bleiben.
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Sarahs Schreiballerei

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Zuletzt aktualisiert: 25. Aug, 23:31

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