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4
Jun
2007

oberflächlich, arrogant, spießig

Je länger ich über meinen Beitrag von gestern zu den Ausschreitungen in Rostock nachdenke, desto klarer wird, dass es stimmt: Ich war oberflächlich, arrogant, spießig.

Ich war oberflächlich, weil ich versuchte meinen Tagesablauf vom Samstag einzuflechten: Dass ich am Vormittag zur Epilation nach Köln fuhr und abends, nachdem ich gegessen hatte, noch eine Weile in meinem Garten sass - schon erstaunlich wie friedlich es in einem Hinterhofgarten sein kann, während ein paar hundert Kilometer entfernt, Chaoten eine Stadt zertrümmern - dass ich am Samstagabend meine Empörung darüber niederschrieb, wie Christopher Paolini im zweiten Teil seiner Drachensaga Eragons Probleme löst, dass ich zutiefst erschrak, als ich Sonntagmittag endlich ins Netz schaute, fassungslos die Schlagzeile auf Spiegel-Online anstarrte, nicht begreifen oder erklären konnte, wie so etwas passieren konnte. Ich war oberflächlich, weil ich nicht das unverhältnismäßige Vorgehen der Sicherheitsbehörden in den Wochen vor der Demo berücksichtigte, weil ich nicht die Notwendigkeit von Demonstrationen und Aktionen zum G8-Gipfel würdigte, weil ich nicht das Märchen von der bösen Polizei erzählte, die die armen Autonomen zu Gewalt provozierte. Ich war und bin oberflächlich, weil ich solche Gewaltausbrüche nicht rechtfertigen kann.

Ich war arrogant, weil ich über die Autonomen lästerte, weil ich bei der Suche nach Gründen, weshalb sie Schaufensterscheiben einschlugen und Autos in Brand setzten, nicht ihre hehren Ziele berücksichtigte, sondern mir ihre psychologischen Gründe zusammen reimte, die tiefer liegen und die diese Chaoten verdrängen. Ich war arrogant, weil ich nicht bedachte, wie sorgfältig Attac und die anderen Organisationen der Gutmenschen die Demo und die übrigen Kundgebungen vorbereiteten, so gut dass einige der Autonmon in den Zeltlagern der friedlichen Demonstranten übernachten (wurde heute morgen im Radio berichtet). Wie kann ich nur so arrogant sein und nicht einsehen, dass diese Chaoten, nachdem sie sich endlich mal wieder so richtig austoben konnten, sich ihren Schlaf verdient hatten. Wer denkt denn jetzt noch an das eigentliche Problem: Die Welt gerechter zu machen? Alles spricht darüber, wer den ersten Stein geworfen hat und ob die horrenden Sicherheitsvorkehrungen im nachhinein nicht gerechtfertigt sind. Ich war arrogant, weil ich über die Gewalt der Autonomen schrieb und ihnen damit eine Bedeutung einräumte, die sie nicht verdient haben. Ich war und bin arrogant, weil ich weder in meinem gestrigen Beitrag noch heute der wahren Opfer dieser Ausschreitungen gedachte: den Kindern, die in Afrika verhungern, den Menschen, die in Bangladesch absaufen, den Millionen, die in den Slums der dritten Welt von einem Leben, wie ich es führe, nicht einmal zu träumen wagen.

Ich war spießig, weil ich beim Anblick des brennenden Autowracks, vor dem einer der Autonomen posierte, an mein eigenes Auto dachte, das vor dem Haus am Straßenrand steht. Ich war spießig, weil ich mir vorzustellen versuchte, wie ich mich fühlen würde, wenn ein Chaot aus reiner Lust an Krawall meine kleine Micra demoliert. Ich war spießig, weil ich mich in den Besitzer des ausgebrannten Wagens hineinversetzte: Wie wird er sich fühlen? Wie soll er oder sie zur Arbeit kommen oder die Kinder zur Schule oder zum Sport bringen? Ich war spießig, weil ich mich fragte, ob die Versicherung den Schaden ersetzt oder der Besitzer selbst das Geld für einen neuen Wagen zusammen kratzen muss. Ich war spießig, weil ich an die Inhaber der Geschäfte dachte, deren Schaufenster zertrümmert sind und die nun ihre Läden renovieren dürfen. Ob sie das Geld dafür haben? So toll ist ja die Situation des Einzelhandels nicht, erst recht nicht im Osten. Ich war spießig, weil ich, nachdem ich meinen Beitrag geschrieben hatte, wieder in meinen Garten ging, mich am schönen Wetter erfreute und die wuchernden Hecke stutze, während hinter den Häuserfronten, weit weg von meinem kleinen Glück, die Welt dröhnte.

Es stimmt: Ich war und bin oberflächlich, arrogant, spießig.

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