Liebe Leserin, lieber Leser

ich grabe in meinem Bergwerk nach Texten und finde: Nuggets, Kristalle, Edelsteine und viel zu oft Katzengold. An den Fundstücken klebt Schlamm. Sie müssen gewaschen und poliert werden. Das alles mache ich hier nicht.

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30
Sep
2006

Ein größeres Büro

Manchmal hasste Clemens seinen Job. Auf dem Display seines Notebook flimmerte die Pressemitteilung, die er in ein paar Minuten per Mausclick abschicken würde. Automatisch ohne viel Anstrengung würde sie die Redaktionen der wichtigsten Wirtschaftsmagazine des Landes erreichen. Agenturen würden sie zitieren. Die nächsten Nachrichtensendungen würden einen Bericht darüber bringen. Ein einfacher Druck auf die rechte Maustaste - mehr brauchte er nicht zu tun - und wieder wären 3000 Arbeitsplätze vernichtet. Die gut informierten Kreise wussten natürlich seit Wochen, wenn nicht seit Monaten oder seitdem die Sache begonnen hatte Bescheid. Auch ihm selbst war von Anfang an klar worauf das Engagement der Asiaten hinauslaufen sollte. Wer den Braten hätte riechen wollen, der hätte den beißenden Gestank einer nüchternden Kalkulation in der Nase spüren können. Aber die meisten hatten sich ihren Nasen zu gehalten. Erst vor einer Woche hatte ihm ein Kolumnist einer Tageszeitung den Entwurf eines Kommentars gezeigt, den der Redakteur als Antwort auf die Pressemitteilung drucken wollte, die Clemens im Begriff war abzusenden.

"Wann lasst ihr die Sache raus", hatte der Journalist ihn gefragt und dabei dies Lechzen nach der Story in den Augen gehabt, die Gier nach einer ruchlosen Nachricht, die er und seine Kollegen mit zur Schau gestellter moralischer Entrüstung kommentieren würden.

"In ein paar Sekunden", murmelte Clemens. Sein Finger kreiste über dem Mausknopf. Um Moral ging es nie, selbst wenn auch seine Firma einen "Code of Conduct" hatte, in dem jeder Mitarbeiter auf ein bestimmtes moralisches Verhalten eingeschworen wurde. Alles nur ein Feigenblatt, mehr nicht. Er überflog die Argumente: Sinkende Absatzzahlen, enttäuschendes Weihnachtsgeschäft. Dabei hatte das Weihnachtsgeschäft noch gar nicht bekommen. Die Werbekampgen liefen gerade erst an. Von wem dieser Punkt kam wusste er nicht mehr. Es hatte lange Konferenzen gegeben, in denen Clemens mehrere Entwürfe der Presseerklärung vorgestellt hatte. Nach jeder hatte er anerkennende Blicke gespürt.

Er stand von seinem Schreibtisch auf, ging zu der Fensterfront seines Büros, von der aus er auf den Platz vor der Deutschland-Zentrale herunter blicken konnte. In ein paar Stunden würde es da unten von Reportern, Übertragungswagen und Mikrofonen wimmeln. Er würde sich durch kämpfen müssen und bohrende Fragen nach Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern des Unternehmens schössen aus den Mikrofon ihm entgegen, das war okay, das war sein Job, unter anderem dafür das auszuhalten, wurde er bezahlt.

Langsam neigte sich die Sonne über München dem Horizont zu, die Strahlen blendeten ihn, aus einer Hosentasche zog er sein Handy hervor, das beste und teuerste Modell das sein Unternehmen anzubieten hatte, ausgestattet mit allem erdenklichen Schnickschnack, und doch war es ein Ladenhüter, kaum jemand wollte damit telefonieren. Clemens wog das Gerät in der Hand. Würde er es kaufen, wenn er es bezahlen müsste, wenn es ihm nicht von der Firma gestellt würde. Diese Frage hatte er sich nie wirklich gestellt. Er drehte dem Fenster den Rücken zu und betrachtete seinen Schreibtisch, ließ den Blick von seinem Stuhl über das Gemälde eines bekannten bayrischen Malers streifen. Er mochte sein Büro. Alle seine Wünsche waren bei der Einrichtung des Raumes berücksichtigt wurden. Er nahm wieder in seinem Ledersessel Platz, wippte ein paar Mal mit der Lehne zurück, trommelte mit den Fingern auf der Glasplatte, während der Mauszeiger noch immer über dem Sendeknopf schwebte. Er hatte keine Wahl gehabt, oder doch? Sei's drum. Er schickte die Pressemitteilung ab.

Eines wusste er sicher: Sein nächstes Büro würde noch größer und noch teurer eingerichtet sein und wenn Glück hatte, läge es in Asien...

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