Liebe Leserin, lieber Leser

ich grabe in meinem Bergwerk nach Texten und finde: Nuggets, Kristalle, Edelsteine und viel zu oft Katzengold. An den Fundstücken klebt Schlamm. Sie müssen gewaschen und poliert werden. Das alles mache ich hier nicht.

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25
Sep
2009

Die richtige Einstellung

Ob der Tag nun schon fast vorüber ist? Ich habe gerade geduscht, mich angezogen, noch nicht gefrühstückt. Die Kaffeemaschine hat mir einen starken Muntermacher gebraut, im Schrank wartete das Müsli auf die Birne, die ich hinein schnipseln werde. Ich bin noch nicht zwei Stunden wache und frage mich, ob der Tag schon gelaufen ist?

Ein Profigospieler antwortete einmal auf die Frage, mit welchem Zug er die Partie verloren hätte: Mit dem ersten. Auf den ersten Blick ist das ein sonderbare Antwort. Beim Go ist das Brett vor dem ersten Zug leer. Anders als beim Schach, bei dem sich zu Beginn einer Partie die schwarzen und weißen Figuren gegenüberstehen, gibt es beim Go keine vergleichbare Ausgangssituation. Zu Beginn einer Gopartie existiert die Welt nicht. Das leere Brett ist das Nirvana, das die Spieler mit ihren Steinen füllen. Wie kann dann der erste Zug der Verlust der Partie bedeuten? Es gibt beim Go durchaus Züge, die ein erfahrener Spieler als ersten Zug nicht machen würde, weil sie ihn von Beginn an in eine defensive Position bringen oder dem Gegner es zu leicht machen eine gute Antwort zu finden. Ein Profispieler macht solche Züge nicht, erst recht nicht in einem Kampf um einen wichtigen Titel. Es ist daher schwer vorstellbar, wieso der erste Zug verlieren kann?

Bei Tic-Tac-To leuchtet es jedem ein, dass er das Spiel mit dem ersten Zug verlieren. Hat man ein paar Partie Tic-Tac-Toe gespielt, weiß man, dass man das erste Kreuz in das mittlere Feld setzen muss. Dann kann man gar nicht mehr verlieren. Allerdings ist das Spielfeld bei Tic-Tac-Toe sehr klein. Es hat nur neun Felder. Das Gobrett hat 361 Punkte ist also ziemlich genau 40 Mal so groß. Genug Möglichkeiten also einen Fehler im ersten Zug mit dem zweiten Stein wieder gut zu machen.

Der Profispieler kann also nicht den Zug an sich gemeint haben, wenn er sagt er, er hätte die Partie mit dem ersten Zug verloren. Er meinte die Einstellung, mit der er den ersten Zug machte. Sie war falsch. Er hatte einen falschen Plan für den Verlauft der Partie im Kopf. Er war zu angespannt, vielleicht übermotiviert, weil er unbedingt gewinnen wollte, vielleicht zu arrogant gegenüber seinem Gegner, weil er alle bis bisherigen Partien des Titelkampfes gewonnen hatte. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust Go zu spielen, wäre viel lieber spazieren gegangen. Oder er hatte Zahnschmerzen.

Ich esse jetzt mein Müsli, trinke zwei Tassen Kaffee, lese in der ZEIT, dann komme ich wieder hierher, um an meinem Roman zu schreiben, und hoffe, dass ich die richtige Einstellung habe, damit der Tag nicht wieder verloren geht.

21
Sep
2009

Was macht Dich glücklich?

Auf dieses Thema bin ich in den Blogs von Wally und MaMü gestoßen. Sie hatten da wieder eines von diesen Blog-Stöckchen rumliegen. Zumindest Wally hat wahrscheinlich gehoft, dass ich drüber stolpere und es für sie wegräume. Warum muss eigentlich immer ich das Internet aufräumen? Nehmt Euch ein Beispiel an meinem Blog: Da liegt nichts rum, nur alle paar Monate ein Text - ja, ja, schon gut, ich lass hier zu selten ein Zettelchen fallen, ich weiß. Die ersten dieser Bloggerstöckchen reizten mich zum Schreiben. Dann stieß mein Fuß gegen einige, die ich langweilig fand, und nun finde ich die meisten eher nervig.

Ich will deshalb jetzt auch gar nicht auf dieses Nenne-10-Dinge-die-dich-glücklich-machen Stöckchen antworten. Ich denke über diese Frage nach: Was macht Dich glücklich? Je länger ich die Wörter in meinem Kopf kreisen lasse desto trauriger kommen sie mir vor.

Nehmen wir zuerst das Verb “machen”. In der Frage bedeutet es “einen Zustand herbeiführen, den es vorher nicht gab”. Glücklich ist man also nicht einfach so sondern nur als Folge von etwas anderem. Das Subjekt der Frage ist “Was” nicht “ich”. Aber es geht doch um mich. Also mache ich nicht glücklich, zumindest nicht mich, vielleicht jemand anders, aber nicht mich, das kann nur: Was? “Glücklich sein” wäre damit etwas erlittenes, das einem widerfährt, ob man will oder nicht: Ein schwerer Unfall in der Kindheit, bei dem man fast gestorben wäre? Isolation in der Pubertät, weil man sich zurück zieht und an sich zweifelt? Ungünstige Charaktereigenschaft, für die man getadelt wird die man aber auch nicht einfach ablegen kann? Ein falsches Geschlecht, weil man von einem anderen träumt?

Und wenn “was” nicht mehr da ist? Wenn es vorüber, aufgebraucht oder gegangen ist? Wenn das Schokoladeneis geschmolzen ist? Wenn im Kino der Abspann des besten Filmes aller Zeit läuft? Wenn die Musiker nach einem Konzert die Bühne verlassen? Wenn man ein gutes Buch zuschlägt? Wenn man sich von der besten Freundin nach einem tiefen Gespräch verabschiedet? Wenn man Freunde nach einem gemütlichen Abend zur Tür geleitet? Wenn der Geliebte morgends aus dem Bett steigt? Wenn sein Geruch verdunstet ist? Wenn man abends wieder nach sich selbst stinkt? Wenn er eine andere liebt? Wenn jemand die Katzen vergiftet? Wenn die Schwester stirbt?

Am meisten irritiert mich an dieser Frage, dass sie eine beschränkte Dauer unterstellt. Nach dem “was” fällt man zurück in einen anderen Zustand: Unglück oder Alltagsbrei. Ich weiß, dass sehr viele, wahrscheinlich die meisten Menschen, sehr unglücklich sind, weil ihnen etwas Wichtiges fehlt: Wasser. Nahrung. Heimat. Freunde. Geld. Arbeit.

Ich bin glücklich. Ich weiß nicht warum. Wie viele Jahre habe ich noch? In zweieinhalb Jahren ist mein Geld aufgebraucht und mein Arbeitsvertrag endet. Wenn ich keinen Job finde, werde ich als Hartz-IV-Empfängerin glücklich sein? Wenn kein Verlag meinen Roman drucken will, werde ich als gescheiterte Autorin glücklich sein? Selbst wenn das alles positiv verläuft, wird sich eines negativ entwickeln: Meine Behinderung. Ich werde Schmerzen haben. Ich werde künstliche Knie- und Hüftgelenke benötigen. Werde ich dann noch glücklich sein? Wird mir die Erinnerung an mein jetziges Glück reichen?

Zum Glück weiß ich das alles nicht. Wahrscheinlich macht mich gerade das glücklich.

19
Sep
2009

Die Schuldige

“Du bist Schuld!”
Marlene blickte in den Spiegel. Das Gesicht verzog keine Mine.
“Du bist Schuld!” Sie tippte mit einem Finger auf das Gesicht. “Du! Du! Du!”
Sie ließ den Bademantel von ihren Schultern gleiten, tauchte ihr Gesicht in das kalte Wasser im Waschbecken, bis sie keine Luft mehr hatte und Atem holen musste.
“Hätte ich doch nie auf dich gehört!”, schrie sie das Gesicht im Spiegel an. “Wenn wir es auf meine Art gemacht hätten, dann wären wir Isabelle jetzt los. Ist dir das klar? Du verdammte Hexe!”
Im Wohnzimmer brannte nur die Stehlampe. Auf dem Bildschirm flimmerte der Bericht von dem Flugzeugabsturz. Eine Lufthansa-Maschine war auf ihrem Flug von Frankfurt nach Barcelona über Frankreich in Schwierigkeiten geraten. Der Pilot hatte noch einen Funkspruch senden können, dann war die Verbindung abgebrochen, das Flugzeug stürzte über den Pyrenäen ab.
Marlene hockte sich auf die Lehne eines Sessels und goss sich ein Glas Whiskey ein.
„Die Rettungskräfte haben keinerlei Hoffnung Überlebende zu finden“, erklärte die Moderatorin der Sondersendung, während im Hintergrund Bilder von der Absturzstelle zu sehen waren: verstreute Wrackteil, zwischen denen kleine orangene und gelbe Punkte kletterten.
Sie nahm einen Schluck Whiskey, schleuderte das Glas in Richtung des Bildschirms. Es verfehlte das Gerät knapp, zerschellte an der Wand. Der Whiskey troff an der Tapete herunter.
„Scheiße!“
Ihr Handy klingelte. Auf dem Display leuchtete Max’ Name. Widerwillig griff sie nach dem Handy, atmete tief durch. Erst als ihre Mailbox schon die Ansage herunterleierte, nahm Marlene das Gespräch an.
„Ja!“
Sie hatte ihre Stimme nicht im Griff, sie klang etwas zu gereizt, aber er würde es unter den Umständen wahrscheinlich als emotionale Erregung verstehen.
„Was ist mit dir los?“ Natürlich wusste er, dass sein Name auf dem Display erschien. „Warum lässt du es so lange klingeln?“
Ahnte er vielleicht doch etwas von ihrem Zorn. Zuzutrauen wäre es ihm.
„Ich war im Bad. Ich bin total fertig.“ Wenigstens musste sie sich nicht sehr bemühen Betroffenheit zu heucheln. „Wie geht es Isabelle?“
„Wie soll es deiner Schwester schon gehen.“ Seine Stimme klang vorwurfsvoll. „Erst schreist du hier das halbe Haus zusammen und beschuldigst sie vollkommen ohne Grund.“
„Es tut mir leid.“
Max schwieg. Hatte er überhaupt eine Ahnung, wie sehr sie die Szene vom Vormittag bereute. In der Stille der Verbindung knisterten seine Gedanke. Sie stellte sich seinen Ich-weiß-genau-was-du-jetzt-denkst Blick vor.
„Dann verpasst sie deswegen ihren Flug nach Barcelona. Wie würde es dir gehen, wenn dir durch so einen krankhaften Tobsuchtsanfall das Leben gerettet wird.“ Er machte eine Pause, wieder dieses knistern seiner Gedanken. „Zwei Stunden haben wir gebraucht das Chaos, das du hier angerichtet hast, zu beseitigen.“
Ein Luftzug fuhr vom Balkon herein. Ihr fröstelte. Die Badezimmertür schlug zu. Sie zuckte zusammen. Marlene spürte wie sie sich wieder näherte als hülle sie jemand in einen seidenen Umhang.
„Und als ich sie dann einigermaßen beruhigt hatte“, fuhr er fort, „haben wir die Nachrichten eingeschaltet und vom Absturz ihrer Maschine erfahren.“
„Wann kommst du?“
„Keine Ahnung. Ich glaub’, ich fahr’ erst mal in meine Wohnung“
Er seufzte. Sie presste das Handy an ihr Ohr, um kein Knistern oder Rauschen zu verpassen. Die Verbindung war so einwandfrei, dass sie fürchtete, er hätte aufgelegt.
„Max!“, flüsterte sie. „Bist du noch dran?“
„Marlene, ich weiß nicht, ob ich wieder kommen will.“
Ein einzelnes Knacken, dann brach die Verbindung ab.

5
Jul
2009

Die Lücke nehmen

In einer Einführung zum NaNoWriMo las ich einmal, dass man gegen Ende der zweiten Woche in ein Schreibloch fällt, dann müsse man einfach weiter schreiben. Wenn man es durchquert hat, ginge das Schreiben dann viel leichter. Ich glaube, ich habe die Talsohle hinter mir. Es darf jetzt nur keine längere Pause von einer Woche oder mehr wie in den letzten zwei Monaten kommen.
Es ist als warte ich am Rand einer vielbefahrenen Straße auf eine Lücke im Verkehr. Es regnet. Ein Lastwagen klatscht mir einen Schwall Wasser vor die Füße. Da tut sich eine Lücke auf. Ich zögere. Von Links naht schon ein Tankwagen und von rechts ein Schulbus. Auf der anderen Seite steht jemand, dem ich nicht begegnen möchte. Ich muss nur entschlossen die Straßen queren. Die anderen werden ihre Geschwindigkeit reduzieren. Ich gehe los, lächle den gegenüber nicht an, starre nicht an ihm vorbei.

22
Mai
2009

The Lord of the Rings

Erst mal muss ich gestehen, dass ich "Der Herr der Ringe" erst einmal gelesen habe, vor ungefähr zwanzig Jahren. Damals gefiel er mir sehr, ich war sogar der Meinung, dass Tokien an einigen Stellen noch ausführlicher hätte sein können. Als die Filme in die Kinos kamen, holte ich mir eine Box mit dem englischen Original "The Lord of the Rings". Sechs Taschbuchbände im schwarzen Schuber, kam aber nie dazu die zu lesen. Als ich letztens mal wieder die Filmmusik hörte, bekam ich Lust auf Tolkien und wagte mich ans Original.

Die ersten zwanzig Seiten waren eine einzige Qual: Hobbit-Geschichte und Pfeifenkraut zählen nicht unbedingt zu den Dingen, die mich brenned interessieren. Ich denke an "Vier Seiten für ein Halleluja" und frage mich, wie Lektoren auf mein Manuskript reagieren, sollte ich es mit einer Abhandlung über die verschiedenen Geschmäcker des “Wassers der Magie” oder einem Essay über die Erbauer des “Turms von Gwallor” beginnen. Mit etwas Glück bekäme ich vom Verlag etwa folgende Antwort: “Wir bedanken uns für die Zusendung Ihres Manuskriptes. Leider passt Ihr Roman nicht in unser Verlagsprogramm. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir aufgrund der Masse von Einsendungen, die wir erhalten, Ihr Manuskript nicht zurück schicken können.” Anders gesagt: Reißwolf! Wenn ich nicht wüßte, was nach dem Pfeifenkraut kommt, wäre ich wahrscheinlich nicht über diese ersten zwanzig Tolkien-Seiten hinausgekommen. Aber auch danach wurde es nicht viel besser.

Ich erlebe eine Art Schock: Wie konnte mir so etwas je gefallen? Daran soll ich mich orientieren: Um Gottes willen bloss nicht!

Am meisten stört mich die Oberflächlichkeit der Charakterzeichnung. Merry, Pippin, Frodo und Sam packen gerade ihre Sachen, nachdem sie bei Tom Bombadil übernachtet haben. Nicht einer dieser vier Hobbits interessiert mich, nicht einer von denen hat einen Charakter. Sie sind für mich nicht viel mehr als Marionetten, die Tolkien an Fäden durch seine Geschichte zieht. Sie stolpern Berge hinauf und hinunter und es interessiert mich nicht, ob sie blaue Flecken bekommen oder sich ein Bein brechen. Nicht die geringste Spur von charakterlicher Tiefe. In keiner der Figuren bin ich drin gewesen, kann nicht sagen, was für ein Hobbit Frodo ist, welche Gedanken und Träume Sam hat.

Die einzige Gestalt, die aus diesem Durchschnittsbrei heraustritt, ist Tom Bombadil, aber den würde ich heute aus meinem eigenen Roman herauskürzen: Er bringt die Handlung nicht voran und spielt für den Roman nicht die geringste Rolle. Vor zwanzig Jahren war Tom eine meiner Lieblingsfiguren. Ich fand es schade, dass er es nicht in die Filme geschafft hat, war so froh, dass der WDR ihn in die Hörspielfassung aufnahm. Ich habe übringends immer noch die Stimme seines Sprechers im Kopf. Und trotzdem finde ich dieses tänzelnde und jodelnde Etwas nur noch peinlich.

Ich bin ehrlich gesagt etwas ratlos, dass mir Tolkien jetzt so gar nicht mehr gefällt. Vielleicht liegt es an der Sprache? Vielleicht ist mein Englisch doch zu schlecht? Aber ich habe alle Harry Potter Romane nur auf Englisch gelesen und war begeistert. Letztes Jahr las ich “In the Woods” von Tana French (auf deutsch erschienen als “Grabesgrün”) und es war eine spannende und aufwühlende Lektüre auch wegen der Sprache. Vielleicht bin ich ein nur zu alt für Tolkien. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich viel kritischer geworden bin als Leserin, seit ich selbst schreibe. Vielleicht reibe ich mich auch deshalb so an Tolkien, weil sein Stil Elemente enthält, die ich für stilistisch ungeschickt und literarisch fragwürdig halte. Vielleicht bin ich auch einfach nur gekränkt, weil Tolkien sich über Regeln und Ratschläge hinwegsetzt, die ich umzusetzen versuche, um meine Chance auf eine Veröffentlichung zu erhöhen. Ja, das ist wohl der eigentliche Grund, weshalb ich heute so mit Tolkien hadere: Dass er meiner Meinung nach schlechter und oberflächlicher schreibt als ich und trotzdem veröffentlich wurde.

Ich werde den Hobbits noch bis Rivendel folgen. Wenn sich meine Meinung bis dahin nicht geändert hat, soll Frodo zusehen, wie er den Ring los wird.

14
Mrz
2009

Die "Vier Zedern"

Man konnte sie nicht verfehlen. Jeder Reisende, der von Norden die Straße herauf kam, blieb unweigerlich stehen und kniff die Augen zusammen, um gegen die Sonne zu blicken. Einen Moment blinzelte er, dann schnaufte er vielleicht erleichtert oder ein Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel und er schritt geradewegs auf die Schenke zu, die sich mit ihren Pfählen an den Hang unter den vier Zedern krallte. Von weiten glich sie einem alten Kater, der einen Buckel macht und seine Schläfe schnurrend an den Stämmen reibt. Mochten einige Häuser im Dorf auch älter oder weniger baufällig sein, ließ die "Vier Zedern", wie die Schenke von je her hieß, keinen Zweifel aufkommen, dass dies ihr Platz war. Sie wirkte wie jemand der genau wusste, wohin er gehörte, wie jemand, der nicht um seinen Platz kämpfen musste, weil niemand vor ihr gewagt hatte, sich darauf nieder zu lassen. Ihr Grundstück hatte auf sie gewartet; das wusste sie und genau deswegen empfing sie jeden Reisenden, sei er ein reicher Händler oder ein heimatloser Spielmann, mit der gleichen Gastfreundschaft.

Erst wenn man näher herankam, sah man die Narben, die Sommerhitze und Winterstürme in ihrem hölzernen Körper hinterlassen hatten. Die Latten überzog ein schwarzer Schatten der aussah wie Rauch, der von einem unsichtbaren Schwelbrand aus dem Holz strömt. Wenn man die Stufen zur Veranda herauf ging und vor dem Eingang kurz stehen blieb, meinte man einen schwachen aber scharfen Schwelgeruch nach abgestandenen Erinnerungen, erloschenen Sehnsüchten und vergessenem Zorn zu riechen. Die Dielen knarrten unter den Schritten. Unter dem Vordach der Veranda nisteten Schwalben. Die grauen Schindeln auf dem Dach wirkten wie vertrocknetes Laub, das sich in den Stacheln eines Igels verfangen hatte.

Die Scharniere der Eingangstür waren rostig und quietschen, wenn ein Gast eintrat. Der Schankraum war ungefähr quadratisch. Zur Straße hin gab es glaslose Fenster, vor die bei schlechtem Wetter Lederhäute gespannt wurden. Tische und Stühle standen durcheinander, die sich die Gäste zusammen schoben, wie sie es wollten. Die Sitzflächen und Lehnen der Stühle bestanden aus Korbflechten. Die Tisch waren übersät mit Kerben, weil die Gäste es gewohnt waren, ihre Messer beim Essen in Platte zu rammen. In der Mitte des Raumes war ein dunkler Fleck in die Dielen eingetrocknet, aber weder der Wirt noch die ältesten Dörfler konnten sagen, ob er von Blut oder Rotwein rührte. Den Schankraum teilte ein schmaler Tresen, hinter dem gerade soviel Platz war, dass sich zwei aneinander vorbei zwängen konnten. In den Tresen eingelassen war ein Bottich, der zum Spülen der Krüge und Teller diente. Neben dem Bottich lagen in einer Art Wanne zwei Fässer. Eines enthielt Bier das andere eine Limonade, die der Wirt selbst aus Wasser, Essig, Ahornsirup und diversen Gewürzen braute. Im Regal hinter dem Tresen stapelten sich Tonkrüge und Geschirr, daneben standen Weinflaschen, Kohlköpfe, Körbe mit Brot und geschälten Kartoffeln und Dosen mit Gewürzen. Außerdem präsentierte der Wirt einige der sonderbaren Geschenke, die er von Reisenden erhalten hatte, wie den mumifizierten Kopf eines Gorillas und den Stoßzahn eines Narwals. Ein gemauerter Grill mit Kamin durchstieß eine Seitenwand, den der Wirt morgens früh entfachte und erst löschte, nachdem die letzten Gäste gegangen waren oder sich schlafen gelegt hatten. Auf dem Grill kochte der Wirt Gemüse und Eintöpfe oder briet Wild. Da die Schenke nur zur Straße hin Fenster hatte, die zu klein waren, um Durchzug zu liefern, war die Luft im Schankraum stets erfüllt mit einem Dunst aus zubereiteten Speisen und dem Rauch von Pfeifen und Zigarren, die besonders abends genossen wurden. Dahinein woben sich die Ausdünstungen der Gäste, der Knechte und Mägde, der Händler und Huren, der Dörfler und Fremden, der Jungen und Alten; Kinder lernten hier zu laufen, Jünglinge zu küssen und Liebespaare die Eifersucht zu fürchten. Die "Vier Zedern" saugte alles auf und schwitzte es wieder aus. Jeder, der hier öfters einkehrte, ließ einen Teil von sich zurück. Nicht wenige kamen nur wieder, weil sie sich, ohne es zu wissen, nach ihrem Verlust sehnten.

8
Mrz
2009

Der seltsame Fall des Benjamin Button

Als Benjamin Button im Jahre 1918 geboren wird, hat er den Körper eines Greises. Als sein Vater den Sohn in den Armen seiner im Kindbett sterbenden Frau sieht, erleidet er einen Schock, weil das Kind so häßlich ist. Er läuft mit dem greisen Säugling davon, will es erst in einem Fluss ertränken, wird dabei von einem Polizisten beobachtet. Er entkommt dem Polizisten und legt das Kind auf den Stufen eines Altenheimes ab. Die Inhaberin, eine Schwarze, nimmt das Kind, trotz seine ungewöhnlichen Aussehen als ihren Sohn an. Benjamin hat die Gebrechen eines Greises. Sein Geist ist aber der eines Säuglings. Während er heranwächst, altert und reift sein Geist aber sein Körper wird jünger. Eine interessante Idee für eine Geschichte, aus der ein guter Film hätte werden können. Das Ergebnis ist aber belanglos, weil der Film jedwedem Konflikt aus dem Weg geht. Während seiner Kindheit wird Benjamin nicht mit anderen Kindern konfrontiert. Er lebt die ganze Zeit in dem Altenheim und wird von Besuchern für einen alten Mann gehalten. Die Konflikte, die sich daraus ergeben könnten, werden aber nicht ausgelebt. In einer Szene geht Benjamin, im Geiste ungefähr zehn Jahre und körperlich vielleicht siebzigjährig, über eine Straße, während im Hintergrund Kinder spielen. Aber es findet keine Konfrontation mit den anderen Kindern statt, weil sie in nicht als Kind erkennen. Während seiner gesamten Kindheit besucht Benjamin keine Schule und spielt außer mit Daisy, die später seine große Liebe werden wird, nicht mit anderen Kindern. Trotzdem lernt er lesen und entwickelt sich zu einem lebenstüchtigen jungen Mann. Während des gesamten Films muss er sich nicht ein einziges Mal bewähren, nie wird sein Charakter in Frage gestellt, nie stellt er sich einem Konflikt. Er lernt keinen Beruf und macht auch keinen Hochschulabschluss. Als er nach zwei Drittel des Films Daisy schwängert, nachdem die beiden eine Zeit voller Leidenschaft hinter sich haben, rennt er davon. Als Begründung führt er an, dass er nicht verantworten könne, dass Daisy für die gemeinsame Tochter und ihn (da er ja immer jünger wird) sorgen muss. Fortan reist er durch die Welt. Finanziell muss er sich keine Sorgen machen, da sein richitger Vater ihn irgendwie ausfindig macht und ihm ein großes Vermögen hinterlässt. Um es auf den Punkt zu bringen: Benjamin ist ein reicher Schnösel, dessen einziges Problem ist, sein Erbe durchzubringen. Ein absolut unreifer und langweiliger Mensch.

Auch sein Problem, dass sein Körper jüngert anstatt altert, erweist sich bei genauerer Betrachtung als banal: Als greises Kind ist er genauso hilflos wie ein normales Kind. Als er sich im Alter körperlich zu einem Knaben und schließlich sogar zu einem Säugling entwickelt, ist er genauso hilflos und auf Pflege angewiesen wie ein alter Mensch, der an Alzheimer erkrankt.

Von einem Kritiker wurde der Film als „in Bilder übersetzte philosophische Reflexion über die Existenz, das Altern und den Tod“ betont. Natürlich bedeutungsschwanger daher. Letztlich liefert er aber nicht mehr als ein beständiges Raunen von der der Vergänglichkeit allen Seins. Meine zwei Katzen halten mir die Vergänglichkeit allen Seins deutlicher vor Augen. Die Lebenserwartung meiner Katzen beträgt mit vielleicht 20 Jahre. Sie sind jetzt 6 Jahre. Mit etwas Glück darf ich ihre Gegenwart noch 15 Jahre genießen. Ich werde ihren Tod erleben. Dieses Wissen ist manchmal schwer zu ertragen, wenn sie in meinen Armen schnurren.

Ich bin nicht der Meinung, dass “Der seltsame Fall des Benjamin Button” ein schlechter Film. Man kann ihn sich angucken, er ist nett gedreht und erzählt, ist letztlich aber banal und belanglos und liefert nur Binsenweisheite. Brad Pitt sieht natürlich schön aus. Aber eine herausragende schauspielerische Leistung ist das nicht. Nach ungefähr der Hälfte des Films schaute ich das erste Mal zum Ausgang.

3
Mrz
2009

satznachvorn

Lange habe ich ja gedacht ein PoetrySlam wäre nichts für mich und meine Texte, bis ich im Januar meinen ersten Slam live erlebte. Da habe ich Blut gelegt. Nun ist also soweit. Am Freitag trete ich beim satznachvorn auf. Ein Freund meinte, dass für einen PoetrySlam die Regel gelte: Schneller! Härter! Lauter! Ich werde wohl leise und langsam anfangen aber auf jeden Fall meinen härtesten und lautesten Text vortragen

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